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Anna, 19, magersüchtig: "Ich habe mich dafür entschieden, zu leben"

Warum unsere Autorin im Vorjahr in diese Krankheit abrutschte, erzählt sie hier.

 SN/privat

Wie viele in meinem Alter war ich mit 16, 17 Jahren ein bisschen "fester" und ich fühlte mich überhaupt nicht mehr wohl in meiner Haut. Dazu bekam ich regelmäßig - eh nicht böse gemeinte - Kommentare über meine Figur aus meinem Umfeld. Ich war verletzt. Und der Drang, ein wenig abnehmen zu wollen, wuchs. Ich startete, hielt mich an alle strengen Regeln, die ich mir beim Essen und beim Sport gesetzt hatte. Und schon nach kurzer Zeit bemerkte ich: Wow, es funktionierte, ich nahm ab! All die positiven Rückmeldungen jener Personen, die mein Gesicht vor Kurzem noch mit "Hamsterbäckchen" verglichen hatten, entfachten meinen Ehrgeiz. So einfach ging das also?! Warum war ich denn da nicht schon viel früher draufgekommen?

Meine Regeln und Verbote wurden strenger. Viel strenger. Die Kilos purzelten, ich war in einem Flow, verlor die Kontrolle über mich.

Meine drei Mini-Mahlzeiten kürzte ich bald auf maximal zwei, natürlich zählte ich jede einzelne Kalorie, die ich zu mir nahm, ich verbot mir, mit einer Sporteinheit aufzuhören, ehe nicht mindestens zwei Schweißperlen von meinem Gesicht getropft waren ... Die Liste war lang und wurde immer länger. Je schneller ich abnahm, desto weniger Einfluss hatte ich darauf. Ich war schon extrem mager, man konnte längst alle meine Rippen sehen.

Das Coronavirus, das mir alles genommen hatte, was mir bis dahin Freude gemacht hatte - Zeit mit Freunden zu verbringen, im Verein aktiv zu sein, auszugehen, Spaß zu haben -, trug seinen Teil dazu bei, dass ich mich monatelang ganz auf mich und meinen Körper konzentrieren konnte und es lang niemandem auffiel, dass ich so stark abnahm, weil ich ja niemanden traf.

Jemand anderer hatte inzwischen das Kommando übernommen: Meine Stimme im Kopf. Vor meinem Abnehmprojekt hatte ich so manche Kränkung oder Niederlage verdrängt, einfach hinuntergeschluckt. In Wirklichkeit saßen diese Dinge aber so tief, im Laufe meines Lebens hatten sie sich zu einem großen Hügel angesammelt, der jetzt die Chance ergriff, endlich meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich unterdrückte meinen Körper, dabei wollte er mir all die Zeit nur sagen: "Du musst hier raus!!" Ich selbst konnte diesen Hilfeschrei aber nicht hören, weil ich dachte: Es müsste mir ja eigentlich so gut gehen, mir fehlt doch nichts! In Wahrheit ging es mir aber überhaupt nicht gut, denn ich verbog mich ständig für andere, wollte es immer allen recht machen und allen gefallen.

Und der Magersucht war ich längst komplett verfallen.

Nicht eine Sekunde hätte ich daran geglaubt, krank zu sein. Ich machte weiter wie bisher und wendete immer mehr und neue Abnehmtechniken an, denn ich wusste ja, im Einhalten von Regeln und Plänen war ich ziemlich gut. Keiner sollte etwas davon mitbekommen. Dabei war ich schon längst überhaupt nicht mehr belastbar.

Dann geschah es. Meine Familie und meine Freunde begannen, kritische Fragen zu stellen. Plötzlich sollte ich aufpassen, denn "du wirst schön langsam viel zu dünn". Wenn ich zurückdenke, war ich total verwundert, irritiert und hilflos. Das Abnehmen fühlte sich doch so befriedigend an, warum sollte ich jetzt damit aufhören? "Ich bin doch eh normal." Wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich gerade meinen Körper und mein Leben zerstörte, hätte ich alles darauf gewettet, dass das nicht stimmt. Wenn ich ehrlich bin, gefielen mir die Kommentare von außen. Es fühlte sich an, als würde mein körperlicher Hilfeschrei endlich gehört werden.

Im Oktober 2020 ging mir schließlich die Kraft aus. Nur aus einem entscheidenden Grund sitze ich noch hier: Ich setzte alles auf meinen letzten Funken Lebenswillen - und entschied mich für das Leben und gegen den Tod. Denn ja, ich war in Lebensgefahr. Ich ging ins Krankenhaus, begann eine Therapie.

Jetzt, nach über einem Jahr intensivster Arbeit an mir, mache ich so einiges durch. Doch immer wieder bemerke ich: Wenn es mir schlecht geht, liegt es genau an jenem Punkt, der mich auch größtenteils in die Magersucht gebracht hatte: Wenn ich wieder nicht ich selbst war und mich in veraltete Glaubensmuster hineindränge, es anderen recht machen will. Inzwischen bin ich dankbar für diesen Lebensabschnitt, denn ich weiß nun, was ich brauche, um glücklich zu sein: Einzig und allein meine Liebe zu mir selbst. Anna Dürnberger, 19

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