"Diese Matura ist eine mündliche Zumutung"

Aufreger Matura. Die mündliche Matura ist wieder verpflichtend, das gab der Minister bekannt. Was sagen Salzburger Maturanten dazu?

Junge Worte
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Lange stand in den Sternen, ob denn nun die mündliche Matura stattfindet oder nicht. Einige hatten sie schon abgeschrieben. Kann ja nicht sein, wir waren so lange im Lockdown, haben so viel verpasst. Doch das Bildungsministerium hat andere Pläne. Nach zwei Jahren ohne mündlicher Matura soll sie auf einmal stattfinden. Der Jahrgang, der mehr als 150 Tage im Distance Learning verbrachte. Der Jahrgang, der von Corona bis jetzt am meisten betroffen war. War das Virus nicht schon Strafe genug? Warum sollten die, die bisher nur einstecken mussten, jetzt nicht auch ein bisschen Hilfe verlangen können? Die Abschlussklassen 2020 konnten dies auch, mit "nur" etwas mehr als einem Monat Distance Learning. Zu diesem Zeitpunkt war der Maturastoff schon durchgenommen worden. Mein Jahrgang fing damit gerade erst an und musste gleichzeitig mit einer weltweiten Pandemie klarkommen.

Der Leistungsdruck ist riesig. Gerade in meiner Schule gibt es vermehrt negative Schularbeiten. Alle haben Angst, sich nicht für die Matura qualifizieren zu können. Gleichzeitig muss die Vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) geschrieben werden. Nun kommt auch die Gewissheit dazu, dass dem Bildungsministerium egal ist, wie es um unseren psychischen Zustand steht. Jetzt soll man auch den Stoff, den man sich praktisch selbst beigebracht hat, bei der mündlichen Matura abrufen können.

Wir sollen uns zusammenreißen und nicht faul sein, so etwas hört man von Außenstehenden. Jene, die schon lange nicht mehr die Schule besuchen. Jene, die das alles nicht am eigenen Leib erlebt haben. Jene, denen die Forderungen der Schülerinnen und Schüler als Zukunftsträger offensichtlich egal sind. Elena Rausch, 18
Die neueste Verordnung mag ja auf den ersten Blick wie ein Entgegenkommen des Bildungsministers wirken. Stattdessen ist sie eine Zumutung. Sie bringt hauptsächlich dem AHS-Bereich Erleichterungen, wenn auch keine nennenswerten. Auf den BHMS-Bereich wurde schlichtweg vergessen.

Die Anpassung der Zentralmatura ist dringend notwendig. Besonders jetzt nach den Lernrückständen der letzten Jahre. Die Hoffnungen der Schüler auf eine schrittweise Einführung der mündlichen Reife- und Diplomprüfung wurden ignoriert. Stattdessen wird die mündliche Matura schocktherapeutisch wiedereingeführt. Die Verschiebung der Abgabe der VWA gilt nur an den AHS. Diplomarbeiten im BHMS-Bereich werden hingegen intern geregelt. Die angepriesene Verschiebung ist damit nicht verpflichtend.

Die Kürzung der Themengebiete bei der mündlichen um ein Drittel des Stoffs gilt ebenfalls nur für die Gymnasien. Die zusätzliche Stunde bei der schriftlichen Matura sieht zwar schön aus, in der Realität nützt sie aber wenig. Der Ergänzungsunterricht, in Form von bis zu 25 Stunden, ist auch nicht obligat. Schüler haben dadurch keine Garantie, dass er auch stattfindet. Das Bildungsministerium beweist die eigene Ahnungslosigkeit über die Sorgen der Abschlussklassen. Der neue Erlass diskreditiert die bisherigen Leistungen der Maturanten, indem er ohne wirkliche Änderungen als Maturaerleichterung verkauft wird. Und das nach zwei Jahren Distance Learning. Herr Polascheks erste Arbeitsprobe hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack in den Schulen. Stefan Garic, 18 Der Wunsch der Maturanten nach einer erleichterten Matura wird von vielen als Faulheit abgetan. Man wolle wieder eine "geschenkte Matura". Doch tatsächlich leben die Maturanten nun zwei Jahre mit dem Coronaschulfiasko - und es ist kein Ende in Sicht. Einige dieser Lücken konnten dieses Jahr wieder wettgemacht werden, doch das nur langsam, da man sich natürlich mehr auf den neuen Stoff und die Matura konzentrieren muss. Vor allem nagt nun etwas anderes an den Maturanten: der Leistungsdruck und enorme Stress, der von Lehrern, Eltern, Ministerium und Schule auf sie gelegt wird. Ebenso kommt es vermehrt vor, dass Lehrer ausfallen. Nicht nur Coronaerkrankungen, sondern auch Burn-outs sind zwei von vielen Gründen dafür. Die Schüler zeigen sich empathisch, doch wie es ihnen geht, wird nicht hinterfragt.

Die vermeintlichen Lockerungen der Matura sind hinfällig. Die Diplomarbeitsverschiebung ist schulintern festzulegen, die eine Stunde mehr Arbeitszeit kann auch keine zwei verlorenen Jahre wettmachen, die Stoffverkürzungen gelten nur für die AHS. Ein weiterer roter Faden des Ministeriums: Die BHS werden vergessen. Für sie gelten keine Lockerungen genau wie im Vorjahr, als die fachpraktischen Prüfungen stattfanden, obwohl man zu diesem Zeitpunkt schon ein Jahr keinen normalen Unterricht mehr gehabt hatte. Petitionen für eine erleichterte Matura mit Tausenden Unterschriften werden ignoriert. Wir leiden an so einigen Maßnahmen der Coronapolitik, doch die heurige Matura setzt allem noch das Sahnehäubchen der Dreistheit auf.
Valentina Johanna Perner, 18

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Auch auf Instagram haben wir gefragt: Findet ihr es fair, dass die mündliche Matura wieder verpflichtend ist? Ein Auszug aus den Antworten:

"Eine Frechheit!"

"Uns hat es am härtesten getroffen und wir müssen leiden. Unfair!"

"Hätte am Beginn des Schuljahres schon kommuniziert werden müssen."

"Notwendig, irgendwann hat unsere Matura sonst keinen Wert mehr!"

Aufgerufen am 20.01.2022 um 12:41 auf https://www.sn.at/jungeseite/junge-worte-diese-matura-ist-eine-muendliche-zumutung-115468921

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