Jungeworte

Kränkung, mit Aggression kompensiert

Ist das irrationale Handeln Wladimir Putins die Konsequenz von Bedeutungsverlust?

Wladimir Putin muss gekränkt sein. Gekränkt, seinen Lebenstraum, die Sowjetunion wieder zusammenzuführen, scheitern zu sehen. Gekränkt, als staatsmännisches Schwergewicht an Bedeutung zu verlieren. Als demokratisch gewählt und autokratisch regierend war er Russland und der Welt seit der Jahrtausendwende bekannt, von den Russen, die das Leben früher unter Zaren, später neben Oligarchen gewöhnt waren, sowie auch vom Westen - als geringstes Übel - akzeptiert.

Nur wird Wladimir Putin nicht als Staatsmann, sondern als Tyrann in die Geschichte eingehen. Dieser Platz ist ihm - zumindest in den Schulbüchern westlich von Moskau und östlich von Wladiwostok - sicher. Und das ist es, das einen glauben lassen muss, er sei wahnsinnig geworden. Doch die Macht der Kränkung sei groß, sie erschüttere die Werte eines Menschen, letztendlich
auch den Selbstwert, meint der bekannte
Psychiater Dr. Reinhard Haller. Und womöglich ist das Phänomen der Kränkung eines, das in der Berufsgruppe der alternden und an Bedeutung verlierenden Machthaber überproportional oft vertreten ist.

Putin weiß, welche Konsequenzen ein Krieg 2022 haben kann. Ihm ist vielleicht klar, dass die Zeiten, in denen Menschen ihr Leben für die Tyrannei der Obrigkeit ohne Wenn und Aber opferten, vorbei sind. Denn heute - das ist wohl die größte Errungenschaft der modernen Gesellschaft - ist ein Menschenleben mehr wert als früher.

Dass die Antwort auf Russlands Aggressionen nicht über Sanktionen hinausgeht, wird mancherorts als ein Zeichen der Hilflosigkeit gewertet, doch ist dies wohl eher mit Vernunft begründet: Einen aufgewühlten Tyrannen strapaziert man nicht.

Nach dem Einmarsch in die Ukraine wäre Kriegsherrn Putin wohl ein Eingreifen der NATO gerade recht gekommen - dann hätte er ihn gehabt, seinen Krieg. Denn zu einem Krieg gehören zumindest zwei Parteien. Und man verwehre sich, die sich verteidigende Ukraine als eine Kriegspartei zu betrachten. Was bleibt, ist eine Invasion.

Und nun? Sitzt Putin allein da. Isoliert und sanktioniert vom Rest der Welt, vom eigenen Volk vorsichtig kritisiert und sicher, als Tyrann in die Geschichte einzugehen. Indes steht die EU enger zusammen denn je und auch Präsident Selenskyj polarisiert wie kein anderer. Putin muss es sich anders vorgestellt haben: schneller, unkomplizierter, prestigeträchtiger. Aber besser hätte er es wissen müssen. Denn Kriegsherr Putin spürt spätestens jetzt, dass Autorität und Gewalt den Geist der Freiheit und des Friedens, den Wunsch nach Souveränität nicht untergraben können.

Daniel Romen ist 20 Jahre alt, kommt aus Bregenz und studiert Philosophie in Wien.


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