Aus dem Rumpf strömen die Menschenmassen

Das Phänomen Massentourismus sorgt immer mehr für Diskussionen. Ob in Salzburg oder anderswo. Nur fragt sich niemand ehrlich: Sind wir nicht alle irgendwann, irgendwo Touristen?

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Auf Touren Gerhard Kuntschik

Der Sommer ist in Salzburg vorbei. Die Innenstadt beginnt sich zu beruhigen. Es wird nicht lang dauern, bis die erste Kritik einsetzt: "Nix los, um acht werden die Gehsteige hochgeklappt." Damit vergessen wir auch die Sommer-Diskussion um eine Beschränkung der Bustouristen, die massenweise und tageweise einfielen, angeblich wenig bis nichts konsumierten und unsere heile Welt störten.
Neulich auf Beobachtungstour im ehemaligen Kronland Dalmatien. Dubrovnik, "Perle der Adria" sagt man, mit einer Weltkulturerbe-Altstadt (wie Salzburg/152.000 Einwohner) und von Touristen noch mehr überlaufen, weil die Saison länger dauert. 43.000 Bewohner hat die kroatische Stadt, ungefähr so viele wie Wr. Neustadt, und jetzt im Spätsommer ist sie mit drei Kreuzfahrtriesen täglich konfrontiert. Nine to five, das übliche Tagesprogramm mit ungezählten Gruppen, die sich durchs enge Zentrum wälzen. Auffällig dabei die große Anzahl von Asiaten. Europa in 14 Tagen, das waren früher die Amerikaner, jetzt machen es andere, die für die europäischen Touristiker die neue Zielgruppe sind.
90 Kilometer weiter südlich, jetzt in Montenegro, Kotor: Am Rande einer der schönsten Buchten der Adria gelegen, wie das frühere Ragusa als Cattaro bis 1918 österreichisch und U-Boot-Stützpunkt der Habsburger-Marine. Und heute? Auch in die in der Einfahrt enge Bucht schaffen es die Kreuzfahrtriesen, das Procedere ist dasselbe: Überschwemmung für Stunden, Fußgängerstau zwischen historischen Mauern, Geschäfte in den Kitschläden und Restaurants.
Doch wer will entscheiden - oder fühlt sich befähigt zu sagen: Ihr dürft und seid willkommen, ihr aber dürft nicht, bleibt draußen! Wenn wir hinkünftig den Tourismus in Salzburg reglementieren wollen, sollten wir bedenken: Irgendwann sind auch wir Touristen und wollen nach Paris, Venedig, Barcelona - oder auch Dubrovnik und Kotor. Werden wir willkommen sein?

Aufgerufen am 12.12.2018 um 07:56 auf https://www.sn.at/kolumne/auf-touren/aus-dem-rumpf-stroemen-die-menschenmassen-19225000

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