Die österreichische Seele jammert auf sinkendem Niveau

Rezession, Arbeitslosigkeit, Bildungskrise, Ausverkauf, Steuerlast, Pensionslücke? Was soll's! We are from Austria!

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Barazon | Nationale und internationale Politik und Wirtschaft Ronald Barazon

Beinahe jede Diskussion über Mängel, die in Österreich dringend zu beheben wären, endet mit dem beruhigenden Spruch: "Ja, ja, aber wir jammern ja doch auf hohem Niveau." Ergänzt wird dieser Satz mit der Feststellung: "Es soll nur nicht schlechter werden!"

Diese beiden Aussagen öffnen den Blick auf die aktuelle Lage der österreichischen Seele. Man erinnert sich: Jahrzehnte litt dieses vom Psychiater Erwin Ringel entdeckte Wesen unter Depressionen und Selbstzweifel. Raunzen und die Überzeugung, dass ohnehin alle anderen Völker besser, tüchtiger und glücklicher das Leben meistern, waren die beiden äußeren Erscheinungsformen des inneren Zustands.

Als das Land in den Siebzigerjahren auf die Überholspur geriet und sich der Vorsprung verfestigte, kam es zu einem überraschenden Phänomen. Die Selbstkritik, der Zweifel, der Pessimismus wichen der Gewissheit, dass Österreich das Paradies auf Erden sei. Man betrachtete alle anderen Plätze auf dem Globus vor allem, um festzustellen, dass hierzulande alles besser funktioniere.

Diese Stimmung verwandelt heute konstruktive Kritik in "Jammern auf hohem Niveau" und bewirkt, dass Änderungen als überflüssig empfunden werden.

Aus den unteren Schichten der österreichischen Seele meldet sich die alte Depression vorerst noch in der Gestalt der Sorge, die anstehenden Reformen könnten das hohe Niveau gefährden und eine Verschlechterung auslösen.

Diese Signale lassen befürchten, dass die seit etwa vierzig Jahren dominierende Hochstimmung kein abgesicherter Optimismus ist, der eine innere Kraft ausdrückt. Immer stärker drängt sich der Verdacht auf, dass vielmehr die alte Depression sich lang als ihr eigenes Gegenteil dargestellt hat und die beiden Schwestern "Depression und Euphorie" ihr perfides Spiel treiben.

Klärchen in Goethes "Egmont" singt: Und bangen in schwebender Pein, himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt. Österreich bangt derzeit in schwebender Pein, dass es nicht schlechter werden möge. Dies dürfte die Erklärung für die Lähmung des Landes sein. Bald wird sich als dritte Parole der länger nicht benutzte Spruch hinzugesellen: "Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!"

Beruhigend ist nur die Gewissheit, dass, wie übrigens fast alles in Österreich, auch die Depression ein spielerisches Element hat. Und wenn es wirklich, unbestreitbar notwendig sein sollte, wird die Seele auf Verdrängung gestellt und ernsthaft gearbeitet. Aber, bitte, erst, wenn es tatsächlich nicht anders geht.

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