Narziss erkennt die Störung seines Spiegelbilds nicht

Der Protest der Griechen zeigt Europa den Spiegel: Die Wirtschaftspolitik ist falsch, eine Korrektur ist überfällig.

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Barazon Ronald Barazon

Narziss, der Sohn des Flussgottes und einer Nymphe, hatte nur Interesse an seiner Schönheit. Die Göttin Nemesis, die die Selbstüberschätzung verfolgt, strafte ihn mit unstillbarer Selbstliebe. Als er, wieder einmal, sein Spiegelbild in einem See bewunderte, fiel ein Blatt auf das Wasser und löste Wellen aus. Narziss glaubte, er sei hässlich geworden, und starb.

Nemesis ist derzeit eifrig an der Arbeit und versucht, die Überheblichen in der EU das Fürchten zu lehren. Dass sie sich als griechische Göttin dafür der Griechen bedient, ist naheliegend. Allerdings ist sie bislang nur bedingt erfolgreich: Die Narzisse in Brüssel sind immer noch von ihrer Großartigkeit überzeugt, sehen in jedem Spiegel immer noch ihre Schönheit. Dass Griechenland für Wellen im leider gar nicht spiegelglatten See sorgt, wird nicht zur Kenntnis genommen.

Dabei sind die Zeichen deutlich genug. Fünf Jahre bereits erzwingt die EU im Verbund mit der Europäischen Zentralbank und dem Währungsfonds sogenannte Reformen, die Griechenland sanieren sollen. Mit dem Effekt, dass die Wirtschaftsleistung des Landes heute um etwa 30 Prozent niedriger ist als vor dieser Aktion. Griechenland ist nicht saniert, protestiert und hält Europa einen Spiegel vor.

Denn jene, die so eifrig anderen Reformen vorschreiben, haben selbst einen gigantischen Reformbedarf: Die EU fällt im Wettbewerb der großen Wirtschaftsblöcke zurück. Die Hybris der vermeintlich so erfolgreichen Nordeuropäer gegenüber den laschen Südeuropäern ist fehl am Platz. Ganz Europa hat Strukturprobleme und, nebenbei bemerkt, fügt sich auch die in Österreich so oft beklagte Lähmung in das erschreckende Bild.

Nemesis hält den Zweig eines Apfelbaums in der Hand und wird von einem Greif, halb Löwe, halb Adler, begleitet: Es gilt, einen Apfelbaum zu pflanzen, die Selbstgefälligen schlägt der Greif. In die Wirtschaftssprache übersetzt: investieren und noch einmal investieren, arbeiten statt zu imponieren, leisten statt zu tachinieren, erneuern statt zu lähmen.

Hilf- und fassungslos wissen die Narzisse nicht, wie sie mit dem griechischen Protest umgehen sollen. Und greifen zu dem einzigen Rezept, das sie neben der Forderung nach Reformen kennen - sie stellen, wenn auch zögerlich, mit strenger Miene und erhobenem Zeigefinger, Milliarden zur Verfügung. Diese werden aber nicht für Investitionen verwendet.

Diskutiert wird nur über Schulden, dabei wissen alle, dass Griechenland die Schulden jetzt nicht bezahlen kann. Ein Ausweg wäre möglich, wenn viele Bäume gepflanzt werden, die zahlreiche Früchte tragen. Aber davon ist weder in Brüssel noch in Athen die Rede. Der Greif der Nemesis hat genug zu tun.

Aufgerufen am 26.10.2021 um 01:53 auf https://www.sn.at/kolumne/barazon/narziss-erkennt-die-stoerung-seines-spiegelbilds-nicht-2737789

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