Einfach muss nicht zwingend auch einfacher bedeuten

Kann ein Smartphone Kamera, Reiseführer, Wörterbuch, Navi und Stadtplan ersetzen? Die Technik-Begeisterten sagen Ja. Die Praxis beweist oft das Gegenteil.

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Einfach muss nicht zwingend auch einfacher bedeuten SN/ldprod - Fotolia

Für nahezu jedes Bedürfnis im Urlaub kann man das Smartphone und seine kleinen Programme verwenden. Zum Navigieren und Fotografieren, als Reiseführer und Restaurantführer, zum Musikhören; auch zum Urlaubskartenverschicken und zum Lesen und Spielen. Und, ja, es gibt auch einen "Toiletten-Finder" als App. Das Smartphone ist somit der ideale Reisebegleiter, spart es doch jede Menge Gepäck und ist immer mit dabei. Keine schwere Literatur mehr packen, kein extra Navi, keine Reiseführer, Stadtpläne . . . So einfach kann das Leben sein. Doch wird es dadurch einfacher?

Der Urlaubsalltag zeigt: Leider nein, denn das elektronische Helferlein ist mit seinen wachsenden Aufgaben oft überfordert. Zumindest der Akku. Konnten sich Generationen von Handys der vergangenen Jahre die meiste Zeit des Urlaubs in der Reisetasche noch selbst entladen - Telefonieren war wegen hoher Roaminggebühren tabu -, stehen die Smartphones von heute unter Dauerstrom. Zumindest verlangen sie danach, denn mit ihnen wird pausenlos fotografiert, navigiert, telefoniert und recherchiert. Oft gleichzeitig. Kein Wunder, wenn der Akku nach zwei Stunden schlappmacht und nach mehr Energie verlangt.

Plötzlich findet man sich in einer fremden Stadt auf der Suche nach einer Steckdose wieder und bemerkt, wie sehr man dem einen Gerät ausgeliefert ist: Ohne Smartphone mit GPS lässt sich aufs Erste kaum feststellen, wo man ist. Doch was würde selbst die wiedergewonnene Orientierung nützen? Ohne Reiseführer-App hat man keinen Plan, was man als Nächstes besichtigen soll. Und wenn man dann doch mehr zufällig etwas Sehenswürdiges entdecken würde, womit soll man es fotografieren?

Darum hat der smarte Tourist von heute zu seinem Smartphone einen zweiten Akku im Gepäck. Außerdem noch das Ladegerät mit Adaptern für alle gängigen Steckdosen, eine Solarladestation für den Strand, eine Vorsatzlinse für bessere Bilder mit der Handykamera, ein paar Speicherkarten, Kopfhörer usw. Früher waren es Reiseführer und Fotoapparat - war das umständlicher?

Neben Zubehör verlangen Smartphones aber auch Zuwendung. Die neue Beschäftigung für die freie Zeit, die man abseits des Besichtigungs- und Erholungsprogramms hat, ist das Rauf- und Runterladen von Routenplänen, Tourdaten, Bildern und Urlaubsvideos. Dazu belagern gegen Abend Dutzende Up- und Downloadwillige die Hotellobby - dort, wo das WLAN kostenlos ist - und transferieren ihre gesamten Erinnerungen in die und das Besichtigungsprogramm für den nächsten Tag aus der Datenwolke. In einem Sommercamp für Autisten könnte es nicht spannender sein.

Apropos Wolke: Wie das Wetter am nächsten Tag wird, hat man früher an der Rezeption erfahren. Heute sagt es ebenfalls eine App voraus. Erfragen könnte man es an der Rezeption immer noch, doch auch die passenden Wörter auf Französisch weiß ausschließlich das Smartphone. Das Wörterbuch hat man dank des Fortschritts zu Hause liegen lassen. Und weil man an diesem Abend zwar keine Cocktails in der Bar, aber zwei lustige YouTube-Videos und 27 Facebook-Nachrichten zum Wetterbericht hatte, verlangt das Handy schon wieder nach einer Steckdose. Die findet man zwar, doch das Kabel ist etwas zu kurz für die nächste Sitzgelegenheit. Daher verbringt man die kommende Stunde in einer unmöglichen Verrenkung online und an der Ladeleine des Handys. Fürs gleichzeitige Aufladen und Internetsurfen muss man Kompromisse eingehen, und jetzt bemerkt man auch die Blicke der anderen Gäste. Doch in ihren Augen liest man keinen Spott, sondern Aufmerksamkeit. Offenbar besetzt man die einzige Steckdose in der Hotellobby. Sie werden sich alle darauf stürzen, sobald man den Stecker zieht.

Zum Urlaubsende reift die Erkenntnis: Wer die eigenen Akkus durch erholsame Ferien wieder aufladen will, muss dafür sorgen, dass stets der Akku des Handys voll ist. Oder er gönnt auch dem Smartphone ein schlichtes Telefon-Dasein und reist wieder mit Reiseführer, Fotoapparat und dem ganzen anderen Urlaubsplunder. Denn mit dem Smartphone ist es zwar einfach, alles dabeizuhaben, es macht das Leben aber nicht zwingend einfacher.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 06:08 auf https://www.sn.at/kolumne/bits-und-bites/einfach-muss-nicht-zwingend-auch-einfacher-bedeuten-3063658

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