Fahr'n, fahr'n, fahr'n auf der Autobahn

Wie geil ist das! 140! Das ist der Fortschritt. Aber ich habe nichts davon. Weil ich nur nach Wels muss.

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Spielplan 01/08 Bernhard Flieher
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Ich fahre mit dem Auto. Alles geht so schnell. Keine Atempause. Es geht voran. Und damit es in Zeiten epochaler Veränderungen endlich einer mit den Worten der Band Fehlfarben sagt: Geschichte wird gemacht! Weil da kann nämlich festgespielt werden was will: Den Fortschritt bemisst der Berechnende nicht in Theaterrezensionen, gar in Sensibilität für die Aktualität von Opernstoffe und erst recht nicht in einem klassischen Konzert. Nein. Nichts da! Fortschritt bemisst sich in Geschwindigkeit, in Raffinesse bei der Ausbeutung menschlicher Ressourcen, in Arbeitszeitverlängerung, in Effizienz. Wir steigern das Bruttosozialprodukt. Und dafür müssen wir schnell sein. Das macht das Leben reich(er). Und daher zählt in einer rasenden Gegenwart jede Sekunde. Und also ärgere ich mich, dass ich heute nicht bis Linz muss, sondern nur nach Wels.

Bis Linz tät' ich mir heute nämlich schon einiges sparen. Um genau zu sein: Statt 397 Sekunden bräuchte ich heute für die 14,35 Kilometer zwischen Sattledt und Linz tatsächlich nur 369 Sekunden. Das wären 28 Sekunden, die ich sparte. 28! Und noch besser wird's, weil die meisten ja auch wieder zurück müssen. Zurück nämlich ist die Autobahn ein bisserl länger und also kommen dann noch einmal 33 Sekunden dazu. Das sind insgesamt 61 Sekunden! Eine Minute! Eine Sekunde! In dieser Zeitspanne versenkte Manchester United einst den FC Bayern. Da geht sich zum Beispiel locker der Chor "Triumph, Triumph. Du edles Paar" aus der "Zauberflöte" aus. Nur knapp länger braucht Monostatos, um "Alles fühlt der Liebe Freuden" singen zu können. Leider geht sich nur ein knappes Viertel der hypnotischen Einleitung zu Wagners "Rheingold" aus, das ich mir nach Wels quasi als Salzburg-Mozart-Gegengift mitgenommen habe.

Und so geht sich auf einmal vieles mehr aus, weil die zuständigen Verkehrspolitiker freilich völlig recht haben: Wenn wir schon Autobahnen haben, dann sollten wir auch so schnell wie möglich von einem Hofer zum nächsten kommen, von einem XXX-Irgendwas zum nächsten, von einer Tankstelle zur nächsten. Dafür haben wir Autobahnen. Auf Landstraßen kann rechts der Berg und links die Schlucht bestaunt werden. Auf der Autobahn gilt fahr'n, fahr'n, fahr'n. Die Fahrbahn ist ein graues Band, weiße Streifen, grüner Rand. Und darauf wird jetzt 140 getestet. Aber leider bis Linz. Ich muss nach Wels.

Nach Wels habe ich also die ewig alte Zeit. Da gibt es keine Teststrecke und also keine Sekunden zu gewinnen. Zuerst wollte ich die Zeit für eine Wagner-Monster-Oper nutzen, aber für die müsste ich wohl bis Ungarn preschen (wo ich dann in Niederösterreich noch einmal hin 88 und zurück 87 sparen müsste; fast drei Minuten - da ginge sich fast jeder Song eines Ramones-Livealbums aus). Also lege ich dann statt Wagner doch Kraftwerk ein. Langstreckenmusik. Die Feinschmecker haben mich jetzt in meiner Banalität sofort durchschaut. Kraftwerks "Autobahn" aus dem 74er Jahre bringt mich nach Wels.

Markus Hinterhäuser hatte Kraftwerk engagiert, als er noch Intendant der Wiener Festwochen war. Das Gesamtwerk! Live. Mit 3D-Show. Fünf Abende, jeder für ein Album. Im Burgtheater. Da gab es welche, die sich schier überschlugen, weil da der Fortschritt endlich Einzug hielt in den ehrwürdigen Theatertempel. Fortschritt? Kraftwerk erledigten ihre nachhaltig wirkenden Pioniertaten auf dem Gebiet elektronischer Musik (banal gesagt: Ohne Kraftwerk kein Techno) schon Mitte, Ende der 1970er Jahre. Sie sind länger, als es in Österreich manche Autobahnen gibt, aufgenommen in den Kanon der Kulturgeschichte. Wer immer noch sagt, dass Electronic oder auch neue klassische Musik was ganz Neues, unerhört Ungehörtes in traditionellem Kulturumfeld ist - etwa auch bei den Festspielen - hat sehr, sehr viel nicht mitbekommen. Offensichtlich haben viele nicht bemerkt, dass Zimmermann und Henze, Furrer und Scelsi (vielleicht auch im Festspielhaus einmal Kraftwerk?) ganz selbstverständlich neben Schubert, Beethoven und Mozart auftauchen. Solches Ignorieren (oder ist's aus Desinteresse geborene Ahnungslosigkeit) erinnert mich jetzt daran, welch durchaus erstaunliche Idee es ist, im Jahr 2018 noch darauf zu setzen, dass irgendeine Beschleunigung die Welt besser, gar fortschrittlicher machen könnte.

Aufgerufen am 30.11.2021 um 08:23 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/fahr-n-fahr-n-fahr-n-auf-der-autobahn-37170523

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