Für die Ballbesitzer regnet's nie

Das Finale bestätigt einen Trend, der über die WM hinausreicht: Wir gewöhnen uns an alles.

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Blog Bernhard Flieher

Am Ende ist die Welt nicht in Ordnung. Immerhin aber wir dürfen deutlich sehen, dass die Welt so ist, wie wir es zulassen. Die Dramaturgie meint es nämlich gut und lässt ein schweres Gewitter diese Fußball-WM des Mittelmaßes beenden. Nun im Grunde ist die WM, also das eigentliche Spiel, sogar schon vorbei, als der Regen kommt. Aber die WM als Ereignis, als Geldmaschine, als Werbefläche, als Posierplatz endet nicht mit einem Schlusspfiff. Sie endet mit dem Auftritt der Macher und mit dem Beweis, dass immer irgendwas abgeht.

Es schüttet in Strömen über dem Moskauer Luschniki-Stadion, als wir sehen dürfen, was der Welt abgeht. Es fehlen ihr Regenschirme, die rettende Zuflucht sein könnten. Denn wie es da schüttet, schaut es lange Zeit so aus, als gäbe es im ganzen Stadion, das in diesem Moment die Welt ist, nur einen Schirm. Und diesen einen Schirm halten eine paar Lakaien über Wladimir Putin, Hausherr der WM, und Gianni Infantino, Herr über den Hausherren dieser und jeder WM und überhaupt des Balles. Geschützt werden müssen zuallererst die Unverzichtbaren. Das weiß jeder Geheimdienst dieser Welt. Das weiß jeder MItarbeiter der Fifa. Neben Infantino und Putin stehen der französische Präsident Emmanuel Macron und die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovi.

Die beiden waren übrigens die besten Spieler des Abends. Sie litten. Sie jubelten. Sie herzten sich so, dass man meinen konnte, Europa sei in Partystimmung. Sie dribbelten auf ihren Ehrenplätzen durch Gefühlswelten, während neben ihnen der Infantino und der Putin bloß die eisern Stellung hielten.

Unten - auf dem Feld der idealen Position für Werbe-, Verbrüderungs- und Solidaritätsfoto in Anwesenheit von Helden des Tages - lassen die Herren über die Spiele den Marcon, im Superanzug, und Grabar-Kitarović, im Karo-Trikot, im heftigen Regen stehen. Gibt ja nur einen Schirm. Das zeigt die Machtverhältnisse der Welt: Manche wickeln geschützt und routiniert das Geschäft ab. Andere geben sich frischer Euphorie hin. Denn wo es angeblich nur um ein schönes Spiel geht, lässt sich durch die Ausgelassenheit des Sieges oder die Bitterkeit der Niederlagen rundherum alles vergessen. Und wie Präsidentin Grabar-Kitarović dann nicht nur die eigenen Spieler an ihren Busen drückt (sie kann gar nicht anders, denn sie steht ein bisschen erhöht und viele Spieler sind halt nicht sehr groß), möchte man kurz glauben, dass der Fußball, dieses große Weltenspiel, tatsächlich nichts anderes als wahre Begeisterung erzeugt.

Ach ja, die Spieler beider Teams, angeblich Hauptdarsteller - jedenfalls sind sie das aus der naiven Sicht von uns Freunden des Spiel(en)s -, müssen nach dem Abpfiff lange warten, bis sie geehrt werden. Es ist halt schon eine ganzes Stückerl von der Ehrentribüne hinunter auf dem Boden, wo die Saat der Macht und die Ressourcen der Rendite liegen. Dass die Spieler dann patschnass sind, wird die Franzosen als neue Weltmeister nicht gestört haben. Dass sie aufgeweicht sind, haben die Kroaten schon früher im Spiel bemerken müssen. Dass durch den Regen immerhin keine Tränen beim Warten auf den Trostpreis zu sehen sind, ändert nichts an ihrer Stimmung.

So endet also eine WM mit der Erkenntnis, dass sich nichts ändert. Und sie endet in den Runden von Experten, die allesamt kickten, bevor das Wort "Ballbesitz" eine Strategie beschrieb, und in Talkshows mit Phrasen, die solange gedroschen werden, bis es weh tut. Angeblich beendet diese WM also die Macht des Ballbesitz-Fußballs. Standardsituation sind wichtiger denn je, weshalb nun alle von den sportlichen Special-Forces reden, die diese Situationen perfektionieren. Die normale Spielzeit erschien bei den vielen Toren in der Nachspielzeit bloß wie eine Vorspielzeit. England kann Elferschießen und hat nichts davon. Die Deutschen kamen gar nicht dazu, zu zeigen, ob sie Elferschießen können. Russland hatte die meisten Kilometer und Spaß, den sie einigen anderen verdarben. Argentinien hat Messi und hat nichts davon. Island hatte die EM. Spanien und Portugal hatten irgendwas. Afrika hat ein Strukturproblem. Japan hat (im Gegensatz zu Restasien und Ozeanien) das Zeug, aber man weiß nicht, ob's nicht doch bloß Zufall. Belgien hat Herz. Belgien war nämlich am schön, (auf dem Kopf und dem Rasen), war schnell (in den Beinen und im Kopf), war wendig (in der Mitte und bei der Taktik) und ist jetzt Dritter.

Sonst? Sonst steht fest: In Russland wurden keine Meisterwerke gemalt. Keine neuen Steine kamen ins Rollen. Kein Wind blies, der eine ganz neue Antwort daher geweht hätte auf die alte Frage: Wie viele Momente dauert es, bis ein Spiel richtig gut wird? Der Moment dieser WM war der Stillstand.

Das liegt auch daran, dass die taktischen Konzepte ein solch hohes, hirn-intensives Niveau erreicht haben, dass sie sich auf dem Feld gegenseitig meistens aufheben. Und so richtig gegen den taktischen Strom, der ein Brackwasser aus Defensive ist und in dem eher eine Mode der Verhinderung dahindümpelt, als den Gedanken "Wir schießen einfach immer ein Tor mehr als die anderen", rannte selten jemand an (außer manchmal Belgien). Gegen diesen raffiniert regulierten Strom gab es kaum mutige, flutwellenartige Überfälle. Die Intensität, mit der in vielen Spielen in der Offensive akribisch Vorgaben und Laufwege gesucht wurden, war beeindruckend. Beeindruckend war aber auch, wie diese Vorgaben und Laufwege von der jeweils verteidigenden Mannschaft durchschaut und ausgehebelt wurden. Das schaffte oft ein Dauerpatt auf allerhöchstem Niveau. Attraktiv macht das die meisten Spiele nur, wenn man sie in ihre Kleinteile zerlegen will. Der große und ganze Fluss aber staut sich bis zur Langeweile.

Und so endete diese WM zwangsläufig in jener Bescheidenheit, mit der sie in den vergangenen Wochen manchen (freilich sonst auch nur halb lustigen) Abend zu einer nervenaufreibenden Suche nach dem Grund für die Leere machte. Also zum Ende Frankreich gegen Kroatien. Die Kroaten probieren mutig, um schließlich zu verzweifeln. Frankreich musste nichts probieren, um die Kroaten an kalter Effizienz verzweifeln zu lassen. Ein Hin und Her, das wenige Momente gebar, die man sich merken muss. Ein Rennen nach dem Ball war es, das bisweilen einem alten Motto auf der Straße folgte, wo es keinen Raum gibt, in dem man eine Strategie entwerfen könnte: Alle auf den Ball, so wie beim KIck in der Schülerzeit. Das gebiert Unordnung, aber kein Spiel, das einem in Erinnerung bleiben muss.

Etwa zehn Minuten vor dem Ende, das im Prinzip aber schon mit dem 3:1 der Franzosen etwa 30 Minuten zuvor bestimmt war, schickt dann Peter N., der einzige in unserer Runde, der auf Frankreich als Weltmeister getippt hatte, eine Ein-Wort-WhatsApp-Nachricht. Peter N. kommentierte das Spiel also mit jener Effizienz, mit der ihm seine Franzosen zehn Tipppunkte brachte. Da stand nur: "Schülerligafinale". Und das ging früher, bevor die kickenden Schüler in Fußballinternate ausgelagert worden waren, so: Einer hat den Ball und viele rennen auf ihn zu (und oft trafen wir weniger den Ball, als den Ballbesitzer). Schauen wir halt einfach, was passiert. Und irgendwas passierte immer. Nur eine Präsidentin, die uns auch als Verlierer geherzt und umarmt hätte, die gab es nicht.

Aufgerufen am 09.12.2019 um 01:22 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/fuer-die-ballbesitzer-regnet-s-nie-32244580

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