Worauf warten wir, wenn's 5:0 steht?

England schenkt zum Frühstück ein, ehe sich in Mittelamerika berührend Legendäres ereignet.

Autorenbild
Matchplan 25/06 Bernhard Flieher

Zunächst ein Bekenntnis: Ich bin für England. Jedenfalls bin ich für England, wenn ich über Fußball nicht analytisch nachdenken muss. Ich halt zu England, wenn ich Fußball nicht in taktische Einzelteile, in Erwartungen und unerfüllte Vorgaben zerlege, wenn ich ihn nicht vermesse mit der Restwelt und wie diese Restwelt in den Systemen auf dem Rasen abgebildet ist.

Three Lions also. Zig years of hurt that never stopped us dreaming. England. Immer. Immer schon. Immer wieder.

Diese Zuneigung folgt, wie so viele Zuneigungen (nicht bloß jene im Fußball), weniger einer Rationalität als den Zufällen, den Bequemlichkeiten oder den Hoffnungen, die einem das Leben beschert. Und also folgt das quasi einer individuellen Tradition und einer privaten Mythenbildung. Darum - bevor es dann wieder in die reale Gegenwart geht - ganz kurz ein Ausflug in die Hoffnung mit einem Rückgriff auf die späten 1960er Jahre.

In seiner 1969 erschienenen Textsammlung "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt" schreibt Peter Handke Folgendes als Gedicht nieder: "Aufstellung des 1.FC Nürnberg vom 21.1.1968 - Wabra Leupold Popp Ludwig Müller Wenauer Blankenburg Starek Strehl Brungs Heinz Müller Volkert. Spielbeginn: 17 Uhr".
Das, so könnte man im Nachhinein sagen, war der Tag, an dem Fußball Pop und Literatur und Hochkultur - ja und auch ein Gedicht wurde.

Die Nürnberger, der Club also, waren damals auf dem Weg zum deutschen Meistertitel. Sie holten ihn dann auch. Und ein Jahr später stiegen sie als regierender Meister ab (bis heute eine unwiederholte Heldentat). Danach begann für Club-Fans ein bis heute anhaltendes Leiden (unterbrochen nur für Stunden von diversen Aufstiegen und einem Cupsieg). So wie ich England mag, mag ich auch den Club.

Vielleicht liegt das daran (oder hat sich im Fall eines England- und Nürnberg-Fans einfach im Lauf der Jahre so ergeben und man kommt dem Schicksal nicht aus), dass Leidenschaft im Fußball nicht bloß als Hingabe zu verstehen ist, sondern ganz wörtlich: Fußball schafft Leiden. Und wenn es dann die Gelegenheit gibt, dieses Leiden für ein paar Stunden oder eine Halbzeit oder sechs Tore lang auszublenden, dann muss man das nutzen.


Hier also ein Gedicht, bevor es keine Gelegenheit mehr dazu gibt: "Aufstellung der englischen Nationalmannschaft am 24. Juni 2018 - Pickford Walker Stones Maguire Loftus-Cheek Henderson Lingard Trippier, Young Sterling, Kane. Spielbeginn 14 Uhr". Nachsatz: Nishni Nowgorod. Endstand 6:1. Gegner Panama.


Nie hat ein englisches Team bei einer WM mehr Tore geschossen (und sogar zwei Elfer verwandelt). Aus dieser individuellen Sicht gibt es nach dem 6:1-Sieg nichts zu jammern. Alles gut und Harry Kane überholte in der Torschützenliste auch noch Cristiano Ronaldo. Weil es zur Pause schon 5:0 gestanden war, bricht natürlich Langweile los und mit ihr die Skepsis herein. Ein 5:0 sagt ja bisweilen weniger über das Herz und die Innereien eines Spieles als sagen wie ein 2:1, wie es Deutschland schaffte.


Panama also so schwach? England also so überragend? Hat also Panama logisch verloren oder England logisch gesiegt? Alles stimmt. Und so bleibt die Frage: Worauf wartet man, wenn es zur Halbzeit 5:0 steht? Die Engländer hatten denen in Panama, die Daheim in Mittelamerika gerade beim Frühstück das Spiel sahen, schon ordentlich und längst entscheidend eingeschenkt. Sie taten es mit der Umsetzung eines klaren Systems. Sie spielen in Formation und ließen sich auch dann nicht aus der Ruhe bringen, wenn sie durch Härte und Tapferkeit gestört wurden. Sie brachten - wie schon gegen die bedeutenden agileren und besseren Tunesier - auch gegen Panama viele Bälle in die Gefahrenzone. Und dieses Mal brachten sie Bälle auch ins Tor. Wieder waren es zunächst Standardsituationen (der entscheidende Renner dieser WM, nur knapp gefolgt von der Nachspielzeit in Kombination mit Standards), mit denen England wegzog. Doch so, wie England sowohl im Zentrum als auch über die Flügel Druck entwickelte, macht das jetzt schon Freude auf die Partie gegen die ebenfalls nach vorne orientierten Belgier.


Bei aller Freude, die man auch als Außenstehender, Neutraler an England haben konnte, bleibt für die Sentimentalen ein anderer Moment als größter Moment dieses Spiels.

74. Minuten. Freistoß Panama. Und im Strafraum trifft Felipe Baloy. 1:6. Nichts wert für die, die Spiele nur nach dem Ergebnis messen. Wunderbar für jene, die im Fußball eine andere Kraft erkennen können. Fußball erlöst in manchen kleinen Momenten von allen Sorgen - sogar von einem schnellen Rückstand, der rasch zum 6:0 wuchs und ein uneinholbares Debakel wurde. Wer aber bestimmt, ob etwas ein Debakel ist oder ob im Debakel eine Kleinigkeit zu finden ist, die größer sein kann als der Gedanke an einen Sieg, der sich ohnehin nicht ausgeht?

Baloy war ein paar Minuten zuvor eingewechselt worden. Er übernahm auf dem Feld die Kapitänsschleife von Roman Torres, obwohl der nicht ausgewechselt wurde (Torres vertritt nämlich Baloy als Kapitän nur, weil Baloy nicht zur Startelf gehörte). Baloy hatte Panama durch ein Tor gegen Costa Rica zur ersten WM-Teilnahme geschossen. Er ist ein Held. Und nun schießt er, hinein in den Frühstückskaffee daheim im kleinen Land, das erste Tor Panamas bei einer WM. Historisch. Groß. Wichtig. Ein kleiner Schritt im englischen Strafraum, ein kurzer, traumhafter Ballkontakt für einen Mann, aber ein herrlicher Moment für seine Leute.

Das 6:1 für England öffnet den Nachdenkern und Analytikern nun alle Chancen zu spekulieren. Das 6:1 für England öffnet die Expertenflanken, an denen diskutiert werden kann, wie gut dieses junge Team um Harry Kane ist, wie weit es kommen wird, wie groß die Hoffnung sein kann, dass da jetzt und endlich etwas ganz Großes entstehen kann. Umgekehrt kann dieses 1:6 für Panama das nicht bedeuten. Das 1:6 kann nur den Fußball zeigen als herrliche Zaubermaschine, als ein Spiel inmitten einer Kommerzschlacht, das Momente generiert, die keine eigentliche Bedeutung für dieses eine Spiel haben. Momente, die - oft nur regional begrenzt - einzig für sich allein stehen, jenseits jeder Taktik, jenseits jeden Systems. Groß. Mächtig. Unvergessen. In Panama.

Und jenseits von Panama geht einfach alles weiter. Da kämpfen sich in der unglaublich unterhaltsamen Gruppe H Japan und Senegal in einem wilden, spannend anzusehenden Durcheinander nieder zu einem 2:2. Und da kombinierte Kolumbien gegen Polen fein und frech und präzise; Geistesblitze und Mut schlugen Schläfrigkeit und Unordnung. Das hatte eine logische Folge: Die Südamerikaner prolongierten ihre Ungeschlagen-Serie gegen europäische Teams, gewannen mit 3:0 und sind damit voll im Rennen um den Aufstieg.

Aufgerufen am 12.11.2018 um 11:31 auf https://www.sn.at/kolumne/blog/worauf-warten-wir-wenn-s-50-steht-29221960

Kommentare

Schlagzeilen