Gespalten war Amerika auch in den 1960ern

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Durchgeschaut Martin Behr
 SN/netflix

Man schrieb das Jahr 1968. Der Vietnamkrieg fordert täglich Todesopfer und spaltet die Gesellschaft in Amerika. Eine Antikriegsdemo am Rande des Parteitags der Demokraten in Chicago eskaliert in eine brutale Straßenschlacht zwischen Aktivisten und der Polizei. Im Jahr darauf hat der Vorfall ein gerichtliches Nachspiel, an den acht Angeklagten soll wegen Verschwörung ein Exempel statuiert werden. Das ist der historische Hintergrund, der in das Gerichtsdrama "The Trial of the Chicago 7" (Netflix) eingeflossen ist. Regisseur Aaron Sorkin belebt seinen traditionellen Gerichtsfilm mehrfach mit Rückblicken, die die Vorgeschichte der Demo beleuchten, man sieht auch Privatszenen der Akteure abseits des Gerichtssaals. Die Angeklagten sind eine inhomogene Gruppe, unter ihnen stechen die illustren Anarcho-Hippies Abbie Hoffman (Sacha Baron Cohen) und Jerry Rubin (Jeremy Strong) hervor. Ihnen gegenüber steht der konservative Richter Julius Hoffman (Frank Langella), der kein Garant für ein faires Verfahren zu sein scheint. Vertreten werden die Antikriegsaktivisten vom engagierten Bürgerrechtsanwalt William Kunstler (Mark Rylance). Der 129 Minuten lange Film beeindruckt mit bildgewaltigen Szenen der Polizeigewalt und emotionalen, geschliffenen Dialogen vor Gericht: Action und Kammerspiel. Sorkin zeigt die enorme Kluft in der amerikanischen Bevölkerung auf, der Film ist in Tagen wie diesen brandaktuell. Am Ende wird nicht mit Pathos gespart, das Gänsehaut bewirken soll. Dennoch: eine mitreißende Zeitstudie.

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