"ZDF Magazin Royale": Mittelprächtiges Comeback von Böhmermann

Erstmals am Satire-Freitag im Hauptabendprogramm des ZDF angesiedelt, attackiert der deutsche Satiriker die Reichen dieser Welt. Etwas mehr subversive Spritzigkeit hätte der Premiere der Late-Night-Show im Pandemiemodus gut getan.

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Durchgeschaut Martin Behr
Ist jetzt auf ZDF zu sehen: Jan Böhmermann mit seinem „ZDF Magazin Royale“ SN/zdf/koch
Ist jetzt auf ZDF zu sehen: Jan Böhmermann mit seinem „ZDF Magazin Royale“

Er ist wieder da. Hochgesteckte Erwartungen vor dem Premierenauftritt von Jan Böhmermann, der mit dem "ZDF Magazin Royale" dem öffentlich rechtliche Flaggschiff Deutschlands eine Frischzellenkur verpassen soll. Im Vorspann allerlei Wortspenden als Grußworte getarnt real, vom mürrischen AfD-Chef Alexander Gauland bis zum gefallenen FPÖ-Hero Heinz-Christian Strache, der "Gesundheit und Glück im Leben" wünscht samt Nachsatz "Da muss man nicht politisch übereinstimmen." Man merkt: Hier kann man niemandem trauen, auch Böhmermann selbst nicht, der behauptet, dass das WLAN spinne und er 26 Jahre alt sei - der "einzige Twen im Zweiten". Auch hat er gleich eine Charakterisierung seiner Show parat: "Ein ganz langer Gute-Nacht-Kuss, bei dem Sie die Augen schließen können." Mal schauen.

Sein Studio ist leer, coronabedingt, versteht sich. Eine Late-Night-Show im Pandemiemodus, auch Böhmermanns Krawatte ist in Quarantäne, zum Glück gibt es noch Rotwein, dem der Satiriker reichlich zuspricht - oder ist es doch bloß Heidelbeersaft? Das Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld ist im Home-Office, wenn der Moderator das Thema "Verschwörung" von mehreren Seiten beleuchtet. Sein Ziel? "Mit Idioten reden - auf Augenhöhe". Wer beim vorab avisierten "Deutschlands bekanntesten Corona-Kritiker" an Schlagersänger Michael Wendler gedacht hat, wird enttäuscht, Böhmermann talkt mit einer Klappmaulfigur, die einst als deutsche Antwort auf die Sesamstraße gedacht war: "Hallo Spencer". Anspielungen an Wendler gibt es freilich trotzdem: "Dinslakener Pimmelfürst". Naja.

Böhmermann, der seine Liebe zum Verschwörungs-Messengerdienst Telegram entdeckt hat, teilt aus, gegen Bundeswehrsoldaten, gegen die Reichen dieser Welt, allen voran Bill Gates oder Jeff Bezos, letzterer sei so reich, dass er sich seinen "Bademantel aus Einhornhodenhaut" kaufen können. "Meine Damen und Herren, die ungleiche Verteilung von Geld und Gütern in der Welt ist eines der größten Menscheitsprobleme der Gegenwart", betont Böhmermann, der sich deshalb auch auf den Lufthansa-Großaktionär Heinz Hermann Thiele, auf die BMW-Erben oder den Unternehmer Michael Stoschek wortreich einschießt. Klassenkampf, Kapitalismuskritik und Vergangenheitsbewältigung - es geht auch um Profiteure der NS-Zeit - im Satiregewand, in den besten Momenten anspielungsreich, zynisch und mit echten wie gefakten Theremin-Klängen unterlegt, mitunter aber auch flau, weil allzu erwartbar und in sicheren Fahrwassern unterwegs.


Der Monolog des aufklärerischen Late-Night-Moderators gipfelt in folgender Erkenntnis: "Die wahre Verschwörung ist also: Es gibt gar keine Verschwörung. Es braucht keine Verschwörung." Es laufe auch so alles zugunsten weniger und für den Rest den Bach runter. Und: Wir alle seien alle Opfer der größten Verschwörung, die da Wirklichkeit heißt. Ist das noch Böhmermann oder schon ein (ironiegetränkter) Songtext der Band Tocotronic? Nach soviel fatalistischer Wirtschaftskritik tut es gut, das Trommelfell baumeln zu lassen und Böhmermann lässt Scooter, also den deutschen Bauerntechno-Hero H.P. Baxxter, gemeinsam mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld intonieren: "Fuck 2020." Könnte zu einer echten Hymne werden, der Song. Bloß, wo soll man das Ding bloß tanzen, wenn alle Discos zu sind? Zu Hause im Lockdown, am besten mit Kopfhörer. Und Rotwein.

30 Minuten dauert der mit Videoeinspielern und Fotos angereicherte Böhmermann-Wortstakkato-Zirkus. Das "ZDF Magazin Royale" wird seine Fans garantiert verzücken, bei seinen Gegnern die Skepsis verstärken: Was will der eigentlich? Das Fazit hört sich zugegeben altbacken an: mittelprächtig. Zuwenig für einen wie Böhmermann. Wenn die Vorab-Werbung raffinierter ist als das eigentliche Produkt, dann stimmt etwas nicht. Mal ehrlich, Jan: Da ist noch Luft nach oben.

Aufgerufen am 27.11.2020 um 04:14 auf https://www.sn.at/kolumne/durchgeschaut/zdf-magazin-royale-mittelpraechtiges-comeback-von-boehmermann-95281495

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