Paris-Nizza: Radprofi Felix Großschartner übers Mitgehen in das schmerzende Risiko

Bei Radprofi Felix Großschartner läuft in diesem Jahr alles anders, obwohl er immer das Gleiche tut. Ab Sonntag fährt der 26-Jährige bei seinem Lieblingsrennen, das von Paris nach Nizza führt.

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Flieher fährt Rad Bernhard Flieher
Felix Großschartner.  SN/bora-hansgrohe/bettini
Felix Großschartner.

Felix Großschartner ist bereit für das Risiko. Er weiß nur nicht, ob es sich ausgeht, wenn er sich darauf einlässt, wenn wer mitgeht, wenn es dahingeht. Es ist für den Radprofi nicht nur eine Frage der Kraft, die den Mut zum Risiko beschleunigt. Es ist auch eine Frage der Erfahrung, aus der Mut geboren wird. "Ich muss mir zutrauen, mitzugehen", sagt der Oberösterreicher kurz vor seiner Abreise zum Rennstart in Paris. Risiko im richtigen Moment - das ist ein wichtiger Plan, den der 26-jährige Radprofi für die nächsten Tage hat.

Ab Sonntag startet er bei Paris-Nizza, einem der traditionsreichsten Etappenrennen im Radkalender. Im Gegensatz zu den Rennen in Italien, die wegen des Coronavirus abgesagt wurden, wird in Frankreich gefahren. Daher startet nun auch Großschartners Teamkollege Peter Sagan, der zunächst Rennen in Italien fahren wollte. "Ansonsten hat Corona keinen Einfluss bisher", sagt Großschartner. Vom Team habe es Verhaltenshinweise gegeben. Die ärztliche Leitung stehe in Kontakt mit den Behörden. "Ich habe das Gefühl, dass man sich darum gut kümmert", sagt Großschartner. An den Vorgaben beim Rennen hat sich für ihn nichts geändert.

An den acht Etappentagen wird es für ihn oft darum gehen, "nicht an den nächsten Tag zu denken". Dann will Großschartner alle Kräfte in diesen einen Antritt, in diese eine Attacke, in das Mitgehen mit dieser einen Gruppe legen, die sich gerade auf das Ziel zubewegt. "Offensiv fahren. Lieber riskieren, als sich nachher zu ärgern", sagte er. Jeden Tag neu rechnen, jeden Tag, die Chance nicht übersehen, nicht zu vorsichtig sein. In den vergangenen Jahren sei er - nicht nur bei Paris-Nizza - das oft zu sehr gewesen, habe manche Chance auf eine gute Tagesplatzierung verpasst. Etwa bei der letzten Etappe bei Paris-Nizza im vergangenen Jahr, als eine Gruppe wegging und er lieber auf einen Gesamtwertungsplatz - er wurde schließlich Zwölfter - spekulierte als auf eine gute Tagesplatzierung. Das soll heuer anders sein.

Es ist die ganze Saison von Großschartner anders als in den vergangenen Jahren. Der Aufbau der Form zielt auf den Sommer und den Herbst. Zum ersten Mal ist vorgesehen, dass Großschartner bei der Tour de France starten wird - und dann auch bei der Vuela a Espana. Eine Teilnahme bei diesen beiden dreiwöchigen Grand Tours benötigt eine andere Vorbereitung, als er sie in den vergangenen Jahren absolvierte. Da floss die Konzentration bei Großschartner vor allem in einwöchige Etappenrennen. Da ging es die ganze Saison - wie schon im Jahr zuvor - von Rennen zu Rennen. Heuer wird er mehr im Training sein. Nur Paris-Nizza und die Tour de Romandie stehen vor dem Start bei der Tour de France auf seinem Rennkalender. Dass heuer vieles anders ist, schafft auch Ungewissheit.

Großschartner sagt, er spüre die vergangene Saison noch. Da gewann er eine Etappe und die Gesamtwertung der Presidential Cycling Tour of Turkey. Es war sein erster Gesamtsieg bei einer großen internationalen Rundfahrt. Er wurde Vierter der Gesamtwertung bei der Tour of California und auch bei der Tour de Romandie. Er war ab den ersten Frühjahrsrennen voll bei Kräften. Heuer ist das noch anders. Aber das ist auch der Plan. "Der Fokus liegt auf dem Sommer und auf dem frühen Herbst", sagt Großschartner. Da verpulvert man seine Kräfte nicht im März und im April. Bei der Algarve-Rundfahrt vor zwei Wochen merkte er außerdem, dass ihm das vergangene Jahr "schon noch nachhängt". Er stieg heuer später ins Training ein. Paris-Nizza werde deshalb vor allem auch eine Standortbestimmung. "Ich fühle mich gut im Training", sagt er und weiß doch: Nur ein Rennen ist der wahre Test für die Form.

Paris-Nizza ist Großschartners Lieblingsrennen. Er erinnert sich, dass es das Etappenrennen war, das "im Jahr immer als Erstes live im TV zu sehen war". Er mag die abwechslungsreiche Strecke. Er mag auch die Unberechenbarkeit des Wetters zu dieser Jahreszeit. Er mag es, auf der Hut sein zu müssen vor solchen Bedingungen. Am Anfang, wenn es eher flach dahingeht, wird wohl der Wind eine Rolle spielen. Da heißt es aufpassen. Und gegen Ende, wenn es in die Berge im Hinterland von Nizza geht, heißt es "draufdrücken, mithalten und schauen, dass man auch die Initiative bekommt".

Paris-Nizza ist auch sein Lieblingsrennen, weil Großschartner hier vor zwei Jahren als 24-Jähriger schon recht erfolgreich war. Es war sein erstes Jahr im Top-Team Bora-hansgrohe. Vom damals zweitklassigen polnischen Team Team CCC war Großschartner 2018 zum bayerischen Team gewechselt. Gemeinsam mit seinem Teamkollegen Patrick Konrad, der auch heuer wieder dabei ist, mischte er da bei Paris-Nizza vorn mit. Großschartner trug an zwei Tagen das weiße Trikot für den besten Jungprofi, wurde Vierter im Einzelzeitfahren und schließlich Zehnter in der Gesamtwertung. "Das nimmt man mit, wenn man da wieder startet", sagt er.

Aufgerufen am 29.09.2020 um 05:16 auf https://www.sn.at/kolumne/flieher-faehrt-rad/paris-nizza-radprofi-felix-grossschartner-uebers-mitgehen-in-das-schmerzende-risiko-84462208

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