Der Geldtrottel macht sicher

In der Tankstelle vergeht einem neuerdings vor lauter Sicherheit das Lächeln - und die Zeit vergeht gleich mit.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Ein herzliches, offenes Lächeln, so ein Lächeln also, das sicher macht, dass es einer gut meint, das spüren lässt: Hier macht mir jemand wirklich ein Lächeln zum Geschenk - so ein Lächeln geht anders als ein Lächeln auf einem Plakat. Da schauen alle Lächeln so aus, wie bei dem einen, der einmal meinte, da werde man sich schon noch anschauen, was da alles geht, und der dann zu so einem Satz lächelt. Und daneben auf dem Plakat, von dem er runterschaut, steht, dass wir Sicherheit brauchen.

Ich bin ganz dieser Meinung - aber schon auch ganz anders. Sicherheit ist eine wichtige Sache, die jeder brauchen kann.

Geborgenheit wäre auch was Feines, aber die verkauft sich als Wort halt einfach nicht so gut. Klingt eben nicht so gefährlich wie Sicherheit. Weil wo Sicherheit gefordert wird, muss ja irgendwo eine Angst sein, die bekämpft werden muss mit ordentlichen Sicherheitsmaßnahmen. Aber ganz ehrlich: Es gibt eigentlich viel zu viel Sicherheit. Zum Beispiel in der Tankstelle, wo ich gern im Vorbeifahren schnell noch Zigaretten und Zeitung kaufe, da reicht's mir jetzt mit der Sicherheit nämlich. Da steht seit einiger Zeit ein Bankomat oder so ein ähnliches Gerät und das schluckt mein Kleingeld. Wegen der Sicherheit habe das Gerät die normale Kassa ersetzt, wird mir erzählt. Sprich: Wenn einer die Tankstelle überfällt, müsste er den ganzen Kasten mitnehmen, damit sich's auszahlt, weil wegen Bounty, Mars, Cola-Zero oder Cockpit-Putztüchern stürmt ja keiner in eine Tankstelle, der es böse meint. Also sei der Bankomat eine Abschreckung und die steigere ja die Sicherheit. Nun steht allerdings fest: Tankstellen werden seltener überfallen, als sie von zahlenden Kunden besucht werden. Die dürfen dafür aber jetzt wegen des blechernen Geldschluckers länger warten. Wegen der Sicherheit. Weil der Geldkasten gibt, wenn nötig (und es ist sehr oft nötig), auch das Wechselgeld zurück. Die Scheine muss mir dann eh immer noch die Tankstellenangestellte aushändigen. Die steht - zur Untätigkeit verdammt vor lauter Sicherheit - dann immer ein paar Sekunden und wartet, bis der Automatentrottel endlich mit dem Rechnen fertig ist. Sie könnte, denke ich, während ich warte, in dieser leeren Zeit ja gut die Überwachungskameras im Auge behalten, damit draußen bei den Zapfsäulen mit Sicherheit nur ja nichts passiert. Das tut sie aber nicht, weil sie höflich ist und lieber mit mir wartet.

Neulich standen vor der Kassa zwölf Kunden und warteten. "Wenn ich das Geld selbst rausgeben dürfte, wären ich mindestens ums Dreifache schneller", sagt die Tankstellenangestellte entschuldigend. Aber sie darf nicht. Weil nämlich Sicherheit vorgeht. Jedenfalls geht Sicherheit vor Kundenservice, Vernunft, Selbstverantwortung. Sie geht vor Schnelligkeit und vor persönlichem Gespräch.

Sicherheit wird an Automaten abgegeben, die niemals lächeln. Und so kann einem das Lächeln schon vergehen, wenn man sieht, was alles möglich ist, wenn nur lang genug mit der Angst gearbeitet wird, damit wir endlich ganz automatisch überall Sicherheit bekommen.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 07:59 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/der-geldtrottel-macht-sicher-1036015

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