Der Spion, der nie ins Kinderzimmer kam

Nach Jahren des Widerstands wächst die Lust auf Kontrolle. Gut, dass das alte Pink-Floyd-Album schnell gefunden war.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Der Mensch lebt. Und klar ist, dass es keiner richtig tut. Jedenfalls nicht aus dem Blickwinkel der anderen. Kinderlos fällt einem das kaum auf. Da können dann die, die einem einen falsche Lebensentwurf vorwerfen - als aktuell ideales Mittel dafür eignet sich das Hassposting - locker als Ignorant, Faktenverweigerer, Einmischer oder Ahnungsloser abgetan und vergessen werden. Mit Kind wurde es schwerer, solche zu vergessen, wenn sie aus der Reihe traten und den Mund aufmachten. Wie einst beim Einkauf in der Metzgerei. Lolinger, keine vier, wollte alles können. Also wollte sie ihre Wurstsemmel auch selbst bestellen. "Ein Salamisemmerl", sagte sie. Passt, dachte ich. Aber bevor die Wurstverkaufsfachkraft das erste Wurstblatt heruntergeschnitten hatte, maulte eine Frau hinter uns: "Fratz!", sagte sie und dann zu mir: ",Bitte sagen' wird wohl eh nicht mehr gelernt, oder?" "Wurscht", sagte ich und die Frau flippte aus. Wegen Vätern wie mir gehe alles kaputt, weil sich da nämlich alle Kinder so aufführen. Und überhaupt gibt's grundsätzlich keine Manieren mehr und überhaupt müsse man die Kontrolle vor allem über die Kinder haben, sonst wird nichts aus ihnen. Jetzt, Lolinger macht längst viele Dinge, die mich nichts mehr angehen, erinnere ich mich, dass Kontrolle das Letzte ist, was ich Menschen gegenüber haben möchte. Gleichzeitig keimt ein Gefühl der Kontrolllust. Es kommt dann, wenn Lolinger sagt, dass sie eh alles unter Kontrolle habe, die Schule, das Training, die Freunde - also das Leben, ihr Leben. In mir siegen trotz Zweifel immer noch die Kräfte des Vertrauens, die unter anderem das Recht auf Privatsphäre in der Welt tobender Selbstentblößung hochhalten. So unter drücke ich erfolgreich jene Anwandlung, in WhatsApp und Co. mal doch schnell zu checken, um womöglich eine Welt zu retten, die mir langsam davonwächst. Nach Auswertung einer Umfrage im Kreis von Bekannten gehöre ich da zur Minderheit. Offenbar gibt es mehr NSA-Eltern als gedacht. Gründe? Ich höre immer von Angst und Unsicherheit. Selten höre ich von Vertrauen auf eigene Stärke. Die haben, denkt der Popgeschulte in mir, vielleicht nur die falsche Musik gehört, und ich suche das alte Pink-Floyd-Doppelalbum. Fast 40 Jahre ist es her, dass die sangen: "We don't need no education." Dann sangen sie auch gleich noch dazu: "We don't need no thought control." Ich muss nun, da Lolinger sich zunehmend in die Selbstständigkeit verabschiedet, sagen: Ohne Frage haben Pink Floyd recht. Aber es war auch richtig, diesen Satz bei Lolinger nicht durchzuhalten. Er gilt nicht für Kinder. Die brauchen Erziehung, damit sie sie irgendwann vergessen können. Gefordert werden muss der Satz für Erwachsene, die der Propaganda der Angst auf den Leim gehen, die sich aus lauter Verlangen nach vermeintlicher Sicherheit willfährig neuen Führern der "thought control " unterwerfen. Es gilt: Lieber einmal nicht Bitte sagen, statt sich dauernd vor etwas zu fürchten, von dem keiner sagen kann, was es ist.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 05:36 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/der-spion-der-nie-ins-kinderzimmer-kam-601138

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