Die Nackten und die Lindsey

Lindsey Vonn hat sich ausgezogen. Dafür hat sie ein Buch geschrieben.

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Fliehers Journal | Leben in Salzburg Bernhard Flieher

Buchschreiben halten Romantiker der Kunstbetrachtung ja für einen Akt höchster Intimität und sie halten es nicht für Arbeit. Und wenn man an einen intimen Akt denkt, könnte man durchaus verstehen, dass sich jemand nackig macht dabei. So am Schreibtisch. Daheim. Keiner sieht's. Free your body, free your mind. Warum also nicht?! Aber das Schreiben eines Buchs ist ja längst bedeutend unwichtiger, als es dann zu verkaufen. In ein paar Tagen wird das bei der Frankfurter Buchmesse bewiesen, wenn dort 100.000 oder mehr neue Bücher vorgestellt werden. Von jedem einzelnen wird behauptet, dass es die Welt bereichere mit was auch immer. Ein gutes Buch reicht längst nicht mehr. Und nicht, dass ich da Schlechtes unterstelle: Aber wer weiß schon, ob das Buch von Lindsey Vonn überhaupt super ist?! Macht aber auch gar nichts, weil sie hat sich ja eh ausgezogen dafür. Und bei einer - wenigstens im geografisch recht überschaubaren alpinen Weltzirkus berühmten - Skifahrerin schaut man da schnell einmal hin. Ein Bild, sagt man, sagt ja weit mehr als tausend Worte.

Der französische Philosoph Roland Barthes schrieb über Politiker, die ihr Porträt auf Wahlprospekte drucken ließen, dass da "der Photographie eine Überzeugungskraft unterstellt" würde. Sprich: Ein Foto knüpfe ein enges Band zum Wähler (oder in Vonns Fall zum potenziellen Käufer). Es gehe beim Einsatz eines solchen Bildes, so Barthes, nicht nur um ein Programm oder einen Inhalt, sondern vor allem um die Erzeugung einer persönlichen Atmosphäre, einer ungekannten Nähe. Barthes machte sich seine Gedanken übrigens Ende der 1950er. Da war tatsächlich noch ein Nachdenken drin über die Frage, was ein Foto nun wert sei oder nicht. Und da sieht man, wie die Zeit vergeht und mit ihr die Zurückhaltung. Die Idee, dass ein Foto nur Ergänzung, eine Verstärkung eines Inhalts sein könne, diese Idee haben wir längst überwunden, so wie Frau Vonn ihre Schmerzen im Training überwindet. Es reicht ein Bild und die News-Kanäle sind verstopft (nebenbei kommt mir beim Zusammenhang zwischen News und Kanal der Gedanke, da kolumnig einmal tiefer einzutauchen . . .). Und weil's ja noch viel mehr Bilder als Bücher gibt, muss man sich jetzt um den Erfolg von Frau Vonn als Schreiberin von Lebensweisheiten schon ein bisserl sorgen. Weil ein bisserl Nackertsein reicht ja gar nicht mehr, weil es doch so gewöhnlich geworden ist alles herzugeben, alles zu zeigen von der glatten Oberfläche, von der feinen Haut - nur weil man irgendwas verkaufen möchte.

Aufgerufen am 25.09.2018 um 08:53 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/die-nackten-und-die-lindsey-992350

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