Neid auf die Kunst, Gareth Bale zu sein

Man unterstellt mir, ich sei neidisch auf Autobesitzer. Da hab ich andre Sorgen!

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Andernorts schreibe ich eine Kolumne übers Radfahren. Darin ging es kürzlich um ein großes Auto, das mich - freundlich betrachtet - wohl übersehen hatte, mich dadurch zwang, todesmutig vom Straßenrand auf den Gehsteig zu hüpfen. Da kam dann gleich ein Brief, in dem sich einer (ich gehe klischeehaft von einem Mann aus, weil unterschrieben war der Brief nicht, der Absender fehlte und keine Frau, die ich kenne, ist so feig) beschwert, dass da schon wieder Besitzer großer Autos verunglimpft werden und außerdem sitzen auch in kleinen Autos Deppen. Damit liegt der Mann freilich völlig richtig. Deppen gibt's überall, aber überall gibt's halt auch andere. Und überhaupt, stand auch in dem Brief, spreche da wohl nur der Neid aus mir, weil sich andere halt so ein großes, teures Auto leisten könnten und ich nicht und ich deshalb halt immer nur mit dem Rad fahren könnte.

Da sich diese Woche zutrug, dass einer damit angab, dass er mit 300 km/h so lang auf der Autobahn gerast war, bis das Auto hin war, ging mir die Neidfrage nicht aus dem Sinn. Weil auch um die Raserei entspann sich in diversen Internetmedien die gleiche Debatte wie um meinen Fahrrad-Abdränger. Da würden sich doch wieder nur die aufregen, die sich eben keinen Sport- oder Irgendwas-Wagen mit Trillionen PS leisten könnten, wurde gepostet. Und das sei typisch für eine Neidgesellschaft, dass man es denen, die sich so was eben schon leisten könnten, nicht gönnen möchte, dass sie sich dann mit ihrem Spielzeug auch richtig auslebten. Wobei "ausleben" in diesem Zusammenhang ein gefährliches Wörtchen ist. Denn es ist ja eher schon so, dass die, die irre schnell gegen eine Mauer fahren, eher ausgelebt haben, als jene, die normal dahinrollen. Jedenfalls gilt das für den Umgang mit Autos, die doch im Grunde nichts als Transportmittel von A nach B sind.

Aber die Frage nach Sinn oder Irrsinn ist hier nur ein Nebenschauplatz. Hauptschauplatz bleibt der Neid. Weil ich frage mich nun seit Tagen, worauf ich zum Beispiel neidisch sein könnte? Autos gehören da sicher nicht dazu. Mir fielen dann der Hemingway ein und der Karl Kraus. Aber so richtig Neid auf deren Wortkunst ist das auch nicht. Bruce Chatwin, auf den könnte ich neidisch sein, weil er so weit gereist war und so klug darüber nachdenken und schreiben konnte. Oder auf Gareth Bale! Weil der in seiner Normalität so ein genialer Kicker ist. Als Lolinger mich jetzt erinnert, dass ich versprochen habe, ein Wales-Trikot mit Bale-Aufdruck zu besorgen, damit wir fürs Spiel gegen Österreich richtig ausgestattet sind und ich draufkomme, dass das Spiel schon nächste Woche ist, wusste ich worauf ich neidisch bin: Auf die Kunst, sich stets an die bedeutenden Dinge erinnern zu können, und auf die Hartnäckigkeit von Kindern, mit der sie einem diese Erinnerung servieren.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 08:35 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/neid-auf-die-kunst-gareth-bale-zu-sein-1015324

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