Nur wer nie schießt, trifft immer

Über das volle Risiko beim letzten Schuss auf dem Weg zur Medaille und Orte im Nirgendwo.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Die Österreicherin Lisa Hauser schießt schnell, aber sie schießt deshalb zu oft vorbei. "Und noch ein Fehler", sagt der Kommentator. Und so reicht es nicht für eine Medaille. Aber es ging nicht anders. Nur so hätte sie, sagt der Kommentator, noch einmal an die Spitze herankommen können. Nur wenn sie "volles Risiko" nimmt. Anders gesagt: schnell ballern. Es geht um Biathlon, Langlauf und Schießen. Lisa Hauser gehört zu den Weltbesten dieses Sports. Schießen und Laufen gehört zu den aufregendsten Kombinationen in der Geschichte der Menschheit. Denken Sie daran, wie Robin Hood flott abhauen musste, nach dem Bogenschießbewerb im Hof des Sheriffs von Nottingham. Oder denken Sie an Banküberfälle. Oder an einen James-Bond-Film. Oder eben Biathlon. Da geht es zwar um rein gar nichts Existenzielles wie bei einem Banküberfall oder gar bei der Weltrettung durch James Bond. Es schauen wie beim Bond im Kino aber auch beim Biathlon Massen zu bei Übertragungen aus fernen Orten, die meist gar keine Orte sind, sondern nur Stadien, von denen sonst keiner wüsste: Oberhof, Kontiolahti oder Antholz. Orte, aus denen nichts kommt, die nur besucht werden. Und jetzt ist Pokljuka daran. Um nach Pokljuka zu kommen, muss man durch den Krawankentunnel, dann links Richtung Bled, das man aber unbeachtet liegen lässt, um in Krnica in die Einschicht abzubiegen und ein paar Kilometer weiter noch weiter ins Nichts am Fuß des Triglav-Massivs vorzudringen. Gut, dass die Schießerei eh selten stattfindet, weil das ist dort schon eine schöne, ruhige Idylle, eine Gegend für Wilde und Wilderer. Jetzt ist dort Biathlon-WM ohne Publikum. Österreichische Athleten sind in der Sportart seit Jahren vorn dabei, also überträgt der ORF jeden Schuss. Man tut es fast schon mit demselben chauvinistischen Grundton, wie das im alpinen Skilauf Tradition ist. Da fahren und schießen und laufen nämlich keine Einzelsportler, sondern immer "wir". Grammatikkenntnisse sind bei Übertragungen des Skisports übrigens immer schon eher unnötig, um die nationale Aufregung zu kommentieren. Fachkenntnis schadet nicht. Dominik Landertinger kennt sich aus. Der Innviertler mit Schulausbildung in Saalfelden war Biathlon-Weltmeister und beherrscht einen volksnahen, aber dudenfernen Slang, in dem er innviertlert und pinzgauert. Und jetzt schießt Hauser als letzte Chance schnell und daneben. Sie begrabe, wie es im ORF immer heißt, "unsere Medaillenträume". Dafür hat sie aber gar keine Zeit, denn sie muss ja schon noch ein Stückerl laufen bis ins Ziel. Das nutzen die Kommentatoren, um noch einmal das letzte vergebliche Schießen Hausers zu beleuchten. "Volles Risiko, das heißt halt, dass viel Risiko dabei ist", sagt Landertinger. Und da muss man sagen, dass es sich dabei um eine Weisheit handelt, die weit über Pokljuka hinausreicht, ja weit über die kleine Welt des Biathlon gilt: Wer immer etwas tut, wer immer etwas probiert, riskiert Fehler und seine Träume.

Aufgerufen am 02.03.2021 um 06:58 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/nur-wer-nie-schiesst-trifft-immer-100023433

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