Raureif friert im Kopf

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Ein paar Tage musste ich nicht in die Redaktion. Dies und das war schneller erledigt als erhofft. Es war Zeit. Ich saß und las und sinnierte zwischen den Seiten darüber, was ich schreiben könnte für die Kolumne auf der Titelseite. Dort geht es in diesen Advent tagen um die Frage "Wie ich die Zeit anhalte". Alles aber, das mir in den Sinn kam, ergab beim Hin-und-her-Grübeln keinen Sinn. Was immer mir einfiel, es fiel mir auf, dass sie nicht anhält, die Zeit. Sie vergeht. Immer. Und genauer noch: Ich halte sie erst recht nicht an, kann sie nicht greifen, nicht fassen. Umgekehrt aber hält sie mich fest. Oder wieder anders herum: Ich bleibe stehen, um mir einzureden, dass jetzt alles still steht, dass ich etwas festhalte. Ein Moment, womöglich so einer, von dem wir meinen, dass er gilt, erweist sich ja nur als bedeutend, weil er wieder vergeht. Nur deshalb bleibt der Moment. Da hält also nichts an. Es geht weiter.

Eine Sammlung von Augenblicken ergibt ein Leben, und immer der nächste ist der einzige, über den es sich nachzudenken lohnt. Ich gebe das Grübeln auf, gehe morgens hinaus, nehme das Rad, fahre los, flott trotz der Kälte. Womöglich wegen der Kälte sogar, weil sie nachts den Raureif über die Bäume gelegt hat. Nur noch eine halbe Stunde bleibt mir vielleicht, dann wärmt ihn die Sonne weg. Ich halte an. Alles glänzt. Weg. Wiese. Fluss. Bäume. Ich erinnere mich, dass wir schon einmal vor vielen Jahren hier standen. Raureif und Sonne. Wir rieben die Hände damals. Vor dem Gesicht dampfte sichtbarer Atem. Wir schauten. Ich sagte: "Mach ein Foto im Kopf." Lange her, denke ich jetzt. Und mache ein, zwei Fotos mit dem Handy, stelle eines im Internet dazu zu den Auswertungsdaten der Radtour. Daheim zeige ich es dann auch her. "Warum hast du da noch ein Foto gemacht? Das haben wir doch schon im Kopf gemacht ", sagt Lolinger.

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