Sterben mit Kiss, Madonna und U2

Dank des Radiosenders Bayern 1 wurde mir klar, wie schön es ist, alt zu sein.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

"I was made for loving you" von Kiss. Dann "Like a Virgin" von Madonna. Mit Glück kommen danach Pat Benatar, Kate Bush oder gar Bonnie Tyler. Das ist Bayern 1. Bayern 1 ist für solche wie mich, Ende 40, eine große Erinnerungsmaschine. Bloß weiß ich nicht genau, woran ich mich erinnere. Das Leben war damals durchaus so angelegt, dass man sich am nächsten Tag schon nicht mehr an die Nacht davor erinnern konnte. Na ja, vielleicht verkläre ich das Rock 'n' Rollige in der Rückschau ein bisserl. Aber im Prinzip wird's schon so gewesen sein, wie ich mich daran erinnern will. Die Erinnerungsmaschine jedenfalls läuft daheim häufig. Ich mag nämlich Radio. Nicht das neue Digitale. UKW! Das hat nichts mit Technikverweigerung zu tun, dafür alles mit Gewohnheit. Ich mag die Übersichtlichkeit von ein, zwei Dutzend Sendern, die ich in unserer Küche reinbekomme. Ich weiß, wo Ö3 oder andere Hitradios zu finden sind und also weiß ich, wie ich sie vermeide. Wahrscheinlich liegt die Zuneigung zum Radio auch daran, dass ich alt bin. Jedenfalls alt in dem Sinn, dass ich nicht mehr bei jedem neuesten Scheiß mitmachen muss. Ich bin so alt und so ein Gewohnheitswesen, dass ich selbst Spotify und Apple Music noch immer für einen neuesten Scheiß halte (obwohl ich mich freilich beider Möglichkeiten bediene). Und wie ich das so schreibe, fürchte ich, dass ich beim Radiohören nun doch so geworden bin, wie man es von Eltern kennt. Das Bayern 1 von heute ist nämlich nichts anderes als das Ö-Regional aus den 1980er-Jahren, das Radio vieler Eltern damals. Die Musik, auch so eine Erinnungserweckung, die auf Ö-Regional lief - manchmal sogar Beatles, Elvis und Simon & Garfunkel - war damals weniger alt, als es die Musik von Madonna und U2 heute sind. Und Lolinger, die mit zwölf aus entwicklungspsychologischen und vor allem aus gruppendynamischen Gründen natürlich vor allem hippsten Scheiß hört, sagt jetzt am Frühstückstisch: "Geh bitte, das ist doch nicht dein Ernst, dass du das früher gehört hast." Sie sagt es in dem Moment, als das hypnotische Gitarrenspiel von The Edge den U2-Song "Where the Streets Have No Name" einleitet. Ich dachte immer, wenn ich solche Musik höre, die ich biografisch mit Disco gehen und jugendlichem Überschwang assoziiere, dass ich mich dann jünger fühle. Tue ich aber gar nicht. Ich fühle mich alt, richtig angenehm alt, wenn ich solche Songs höre, und ich bin sehr zufrieden, weil mir in diesen Momenten noch nie der Satz passierte: "Na sicher haben wir das gehört. Dauernd, weil das war noch richtige Musik."

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