Und in nebliger Nacht sagt er ganz still: "Sicher bis bald."

Es begab sich irgendwie, dass die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, ungemütlich wird. Aber kann das alles sein?

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Kann gut sein, dass ein schreckliches Jahr abläuft. Zu viele Helden, die gestorben sind. Zu viele Anmaßende, die tatsächlich etwas werden konnten. Zu viel, das außer Rand und Band geraten ist. Aus dem Mülleimer der Geschichte donnert keine friedvolle Melodie, sondern ein Brüllen und Toben, ein Beleidigen und Betrügen . . . ein schwer erträglicher Sound. "It's all one song", hat Neil Young einmal gesagt, ist also dieser Song, der Leben heißt, zu einem unguten Sausen verkommen, zu einem verstörenden Grummeln? Oder ist da doch eine geheime Melodie, die es im Moment halt schwer hat, gehört zu werden?

Der Busfahrer fragt die Frau, ob sie einen Christbaum dabeihabe. Wer einen Christbaum dabeihat, fährt nämlich heute gratis und es gälten auch Christbäume als Schlüsselanhänger oder als Bild auf Ansichtskarten. Nein, sagt die Frau, so was habe sie nicht dabei, Aber: "Ich bin ja eh das Christkind." Und der Busfahrer lächelt und gibt ihr einen Freifahrtschein.

Seit vielen Jahren kaufe ich bei Josef, der der beste Käsedealer auf dem Markt ist. Beim letzten Mal kamen wir wieder einmal länger ins Reden und da fragte ich ihn: "Was wünschst du dir?" Er antwortete: "Dass einen Tag lang einmal alle, die einkaufen kommen, lächeln."

Bob Dylan bekommt den Nobelpreis. Mein Musik-Gott. Ich bin gehüpft vor dem Livestream aus der Schwedischen Akademie. Es fühlte sich an wie bei den Fußballspielen früher: Ich habe mitgewonnen. In Tagen danach kommen E-Mails, les ich auf Facebook, werde ich in Gespräche verwickelt und in allem wird klar: Beim Mitgewinnen mit Dylan geht es vielen anderen so wie mir, weil es ein felsenharter Triumph ist, während rundherum die Grundfesten des Lebens, wie wir es bisher kannten, zu bröckeln beginnen. Wochen später - Leonard Cohen ist da schon tot - sitze ich in einem mir bis dahin fremden Kaffee in einer bayerischen Kleinstadt und es läuft der Dylan-Song "Tangled Up in Blue", überraschend, an einem unerwarteten Ort, zufällig - und es klingt, als sänge Dylan zunächst aus weiter Ferne. Und ich beginne die zu beneiden, die ihm irgendwann zum ersten Mal begegnen werden. Und ich merke, wie ich mir wünsche, dass sich jetzt hier in der Fremde noch einmal dieses Gefühl vom ersten Mal wiederholen soll. Aber vielleicht ist das wohl nur eine falsche Nostalgie, ein verblichenes Sehnen, das längst durch ein erfüllendes Immer getauscht ist.

Kalt ist ihr, sagt sie und fingert nach dem Schlüssel für das Fahrradschloss. Und dass sie genug habe von dieser Weihnachtszeit, murmelt sie in die nebelige, frühe Nacht hinein. Zu viel los. Noch zu viel Arbeit. Zu viel Gerede. Zu viele Lästerer. Der Mann, dem sie das zuraunt, mit dem sie vielleicht ein paar Drinks genommen hat, der ihr vielleicht zufällig begegnete, der sie vielleicht von früher kennt oder gar nicht bis vor ein paar Minuten, der sich schon verabschiedet hatte, stellt sein Rad noch einmal ab. Er schlüpft noch einmal aus dem Handschuh aus, streichelt ihr über die kalte Wange, nimmt sie in den Arm und sagt: "Sicher bis bald."

Lolinger schreibt einen Christkindlbrief. Sie zeichnet sogar etwas drauf. Dann legt sie ihn ins Fenster, wie sie das immer tut, seit sie zeichnen kann. Ich lächle. Sie sagt: "Ja ja, ich weiß schon, dass es dieses Christkind nicht gibt, das die Briefe holt und dann die Geschenke bringt. Das hast du ja immer erzählt, als ich noch klein war." Und ich frage: "Aber wenn du weißt, dass es nicht so ist, warum machst du's trotzdem?" Und Lolinger sagt: "Weil ich weiß, dass es dir eine Freude macht." Es ist der Moment, in dem Verlust und Erinnerung verschmelzen zu einer Melodie.


Es ist der Moment, in dem ein gefühlt schreckliches Jahr endgültig seine Richtung ändert. Da beginnt wieder der eine Song zu klingen, dieser Refrain, in dem erzählt wird, dass alles immer weitergehen kann. Das Leben ist ein Song, nur einer, in dem alles Platz hat. Und alles, was uns unterkommt, sind Augenblicke, aus denen Strophen werden, und Überzeugungen, die den hymnischen Refrain bilden. "It's all one song." Im Guten gilt das wie im . . . na ja, in dem halt, das immer noch ein bisschen besser oder anders werden kann.

Aufgerufen am 21.09.2018 um 10:19 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/und-in-nebliger-nacht-sagt-er-ganz-still-sicher-bis-bald-582241

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