Der Traum geht weiter

Bis zur Wahl von Donald Trump hatte ich einen Traum: Dass Frauen heute alles schaffen können. Traum geplatzt? Nein, denn eine 96-Jährige lehrte mich, schlicht weiterzuträumen.

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Frauensache Karin Zauner

Vorige Woche hatte ich voller Zuversicht in meiner Frauen-Kolumne geschrieben, dass eine Frau als US-Präsidentin für alle Mädchen und Frauen in der Welt ein Vorbild dafür wäre, dass sie alles erreichen können. Es tat Mittwochmorgen beinahe körperlich weh, als klar wurde, dass ein Mann wie Donald Trump zum politisch mächtigsten Menschen der Welt gewählt worden ist, einer, der offen Frauen verachtet, der ungestraft erzählt, dass er Frauen überall begrapschen kann, wenn er nur will. Wenn eine Frau als Präsidentin Vorbild wäre, ist dann auch Trump Vorbild? Die Gefahr besteht, dass sich nun all jene, die sich in der jüngeren Vergangenheit mit frauenfeindlichen Sprüchen zurückgehalten haben, wieder ermutigt sehen, zu beleidigen, zu erniedrigen und gegebenenfalls hinzugreifen. Wer in den vergangenen Jahren die weitgehend anonymen Hasspostings gegen kritische Frauen, wie etwa Journalistinnen, verfolgt und erlebt hat, weiß, wie realistisch diese Gefahr ist.

Die Amerikaner sind uns in vielen Dingen fremd. Einer ihrer großen Vorzüge ist es, stets das Positive und die Chance sehen zu können. Niederlagen werden in den Vereinigten Staaten nicht so hoch gehängt wie bei uns, die Selbstgeißelung ist ihnen fremd. Und so ist es akkurat eine 96-jährige US-Amerikanerin, die Frauen nun Mut macht. Sie selbst werde zwar keine Frau mehr als Präsidentin erleben, meinte Esther Diamond nach der Niederlage Hillary Clintons trocken, aber für sie, die zeit ihres Lebens Feministin gewesen ist, sei das kein Grund, nicht weiter zu kämpfen. Sie, die in Russland geboren worden ist und die sich gegen fünf Brüder behaupten musste, sagt, sie sei sehr enttäuscht, dass Trump nun Präsident wird. Aber sie sagt auch, sie hoffe, dass ihre Tochter, Enkelin und die Urenkelinnen nicht aufgeben, für Gleichberechtigung zu kämpfen. Denn die 96-Jährige habe es im Gefühl, dass ihre Urenkelin eines Tages US-Präsidentin werden könnte. Clinton habe die Tür ein wenig aufgemacht, irgendwann werde eine Frau durchgehen. Das feministische Rezept der alten Dame: Wann immer jemand etwas Schlechtes gegen Frauen gesagt hat, hat sie es nicht gut sein lassen und es demjenigen oder derjenigen nicht durchgehen lassen, sondern dagegengeredet.

Hillary Clinton hat sich in ihrer Rede nach der Niederlage auch an "alle Mädchen" gewandt und ihnen zugerufen, dass sie nie daran zweifeln sollen, dass sie wertvoll und mächtig sind und jede Chance und Möglichkeit in der Welt verdienen, ihre Träume zu verfolgen und zu erreichen.

Also heißt es für Frauen und Männer, die in einer gleichberechtigten Welt leben wollen: Lasst euch eure Träume nicht ruinieren, und vor allem erhebt weiter die Stimme und setzt Taten, wann immer es nötig und wann immer es möglich ist.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 05:32 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/der-traum-geht-weiter-882391

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