Nein, Frauen können nicht übers Wasser laufen

Frauen erwarten von sich selbst oft zu viel. Das tun aber auch oft Chefs. Nach dem Motto, wenn wir schon Frauen ran lassen, dann sollen sie bitteschön Übernatürliches leisten. Da gibt es ein Missverständnis.

Autorenbild
Frauensache Karin Zauner

Dem Beginn eines neuen Jahres wohnt immer ein spezieller Zauber inne. Alles scheint möglich. Das heißt, wir können alles anders, besser machen, das gibt Mut. Auch in den Unternehmen heißt es, jetzt packen wir es wieder mit frischer Kraft an. Ziele werden formuliert, Aufgaben verteilt, die Motivation ist hoch. Doch Vorsicht: Die Erwartungen werden oft zu hoch geschraubt. Frauen sind in diesem Metier Spitze. Im Job noch effizienter sein, mehr Ideen einbringen, daneben noch mehr Zeit in Familie und Freunde investieren, zusätzlich ein paar Kilogramm abtrainieren. Spätestens jetzt, nach den ersten zwei Wochen, hängen sie mit diesen Plänen in den Seilen.

Doch es sind längst nicht nur die Frauen, die sich mit ihren unerfüllbaren Erwartungen in sich selbst Prügel vor die Füße werfen. Frauen werden in Unternehmen oft mit Aufgaben betraut, mit denen andere scheitern und die sie nie und nimmer bewerkstelligen können. Eine Runde Frauen, alle mitten im Berufsleben, vor einigen Tagen: Eine von ihnen erzählt, ihr Chef betone stets, wie viel er von ihr halte, was sie sehr freue. Aber zu Beginn dieses Jahres habe er ihren Aufgaben-Korb derart gefüllt, dass sie nur mehr gebeugt gehen könne, angesichts der Last. Auf sein unanständiges Belastungspaket, das dem Rotstift im Unternehmen geschuldet ist, angesprochen, meinte der Vorgesetzte: "Sie schaffen das schon, Sie sind ja eine Frau." Beinahe jede in der Runde hatte Ähnliches zu berichten. Bei einer öffentlichen Präsentation eines Unternehmens wurde vergangene Woche eine weibliche Führungskraft mit den Worten begrüßt, sie sei "bestimmt keine Quotenfrau", dafür aber die Beste, von der man sich mehr erwarten könne als von all ihren Vorgängern. Nein, es genügte nicht, Frau XY als neue Chefin mit all ihren Qualifikationen und dem bereits Geleisteten vorzustellen. Wenn wir bitte schön schon eine Frau an die Spitze lassen, dann muss Sie zumindest Übermenschliches leisten.
In der Frauenrunde sind wir ratlos. Haben wir der Welt so lange erklärt, wie toll wir sind, dass sie von uns jetzt Übernatürliches erwartet? Wurde da etwas missverstanden? Ja, das wurde es. Frauen haben nie gesagt, sie hätten magische Kräfte. Sie haben nur klar zu machen versucht, dass Sie Gleiches zu leisten vermögen wie Männer, dies auch oft tun, manchmal sogar ein bisschen besser sind als sie, aber dafür auch gerne die gleiche Bezahlung und die gleichen Machtpositionen wie Männer hätten. Dass in diesen jahre- und jahrzehntelangen Prozessen, der Eindruck entstanden ist, dass wir Frauen, wenn wir nur dürften, auch in der Lage sind, mit unseren Teams übers Wasser zu laufen, tut uns leid, da hat man uns missverstanden. Nein, das können wir nicht und nein, das wollen wir auch gar nicht erst versuchen.

Aufgerufen am 23.09.2018 um 06:16 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/nein-frauen-koennen-nicht-uebers-wasser-laufen-534664

Schlagzeilen