Es fehlt nicht die Kultur des Scheiterns, sondern des Ausprobierens

Ob Ein-Euro-Jobs oder neue Ansätze in unter Druck geratenen Branchen? Die Lösung liegt im Tun - statt im ewigen Debattieren.

Gewagt gewonnen Gertraud Leimüller

Wir haben in Österreich ein gestörtes Verhältnis zum Experiment. Dem mag die Sehnsucht nach absoluter Sicherheit und ein naiver Glaube an die Allmacht der Vernunft, an die theoretische Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit von Dingen zugrunde liegen. Der Schaden ist enorm: "Nur ein Narr macht keine Experimente", das galt schon zu Zeiten des Naturforschers Charles Darwin und gilt erst recht heute, im Zeitalter des Unvorhersehbaren.

Nehmen wir die Angst vor den Umbrüchen durch die Digitalisierung, die heute in praktisch allen Wirtschaftsbranchen umgeht, vom Lebensmittelhandel über die Hotellerie bis zu den Autoherstellern. Wie geht man damit um? Ein Digitalisierungsbuch ums andere lesen, zu Industrie-4.0-Veranstaltungen pilgern, Automatisierungs- und E-Commerce-Experten aushorchen? All das befriedigt letztlich nicht. Die Klugen starten einen Versuchsballon im eigenen Betrieb, probieren einen Onlineshop, Kommunikation über soziale Medien, Cloud-Arbeit oder teilautomatisierte Produktionsabläufe aus und wissen damit mehr als alle anderen. Es muss ja nicht gleich alles für ewig umgestellt werden. Kleine Versuche genügen, um den großen Hype für sich einordnen und die nächsten Schritte setzen zu können.

Ein Experiment ist kein Glücksspiel, sondern ein wohlkalkulierter Versuch - im Unternehmertum und in der Wissenschaft. Es ist das Spiel für Erwachsene, ohne das es keinen Fortschritt geben kann, aber für das es klare Regeln gibt: Man muss wissen, was man wissen will, braucht eine Versuchsanordnung, um schließlich erst recht auf Unerwartetes zu stoßen. Dass in der Wissenschaft Forschung zunehmend nur mehr finanziert wird, wenn die Forscherin vorher schon weiß, was herauskommen wird, ist eine Fehlentwicklung.

Auch in der Politik bräuchte man abgegrenzte Versuchsräume, in denen Antworten für die Zukunft gefunden werden können: Warum dürfen ein paar Pilotgemeinden die Ein-Euro-Jobs für Asylberechtigte abseits aller bürokratischer Hürden nicht drei Monate lang ausprobieren? Danach könnte man sehen, ob es negative Wirkungen auf den ersten Arbeitsmarkt gibt und unter welchen Rahmenbedingungen das Modell funktionieren könnte. "Sunset Legislation" - gesetzliche Regeln, die nach einiger Zeit automatisch enden und nur verlängert werden, wenn sie sich bewähren - wäre ein anderer Weg für mehr Experimentierfreude in der Politik. Wir brauchen keine Kultur des Scheiterns. Um weiterzukommen, brauchen wir vor allem eine Kultur, die das Ausprobieren erlaubt und begrenzte Freiräume schafft.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 04:02 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/es-fehlt-nicht-die-kultur-des-scheiterns-sondern-des-ausprobierens-1106533

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