Götter an der Spitze sind eine schwere Last

Samsung zeigt: Von oben regierte Konzerne können nicht mehr überleben.

Gewagt gewonnen Gertraud Leimüller

"Haben Sie ein Samsung Note 7 dabei?" Auf Flughäfen ist das die aktuell meistgestellte Frage. Wer den letzten Schrei der Südkoreaner bei sich hat, darf kein Flugzeug besteigen: Die Smartphones können explodieren und sind daher an Bord strikt verboten. Die schwerwiegenden Sicherheitsmängel der Geräte sind für das Image der Marke und finanziell ein Super-GAU: Allein der Rückruf der Note-7-Reihe kostet Samsung mehrere Milliarden US-Dollar, die Produktion musste eingestellt werden.

Die Konkurrenz, ob Luxushersteller Apple oder chinesische und indische Billigproduzenten, lacht sich ins Fäustchen. Doch gleichzeitig muss man sagen, dass das Debakel nicht überraschend kommt: So modern sich das mit 500.000 Mitarbeitern wohl weltgrößte Familienunternehmen mit seinen schicken Smartphones und Tablets gibt: Strukturen und Führungsstil des Unternehmenskonglomerats Samsung stammen aus dem vergangenen Jahrhundert und untergraben von Haus aus jede Innovation. Strenge Hierarchien, eine militärische Unternehmenskultur und absoluter Gehorsam sind angesagt, alles ist auf Kopieren, Skalieren und Exekutieren getrimmt.

Das liegt nicht nur an der konfuzianisch geprägten Kultur, sondern auch an der strikten Kontrolle durch den Gründer-Clan Lee, der weit mehr Macht ausübt, als ihm gemäß seinen Anteilen zustehen würde. "Mitarbeitern steht es nicht zu, Vorgesetzte mit Schwierigkeiten zu konfrontieren, und schon gar nicht, ihnen zu widersprechen", werden Insider zitiert. In dieser Atmosphäre musste der Befehl, noch vor Apple eine neue Smartphone-Generation herauszubringen, bedingungslos ausgeführt werden. Dabei war für die Samsung-Techniker schon früh erkennbar, dass der leistungsfähige Akku zu groß für das Gehäuse ist und daher heiß laufen kann.

Kommt uns das nicht bekannt vor? Auch beim Autobauer Volkswagen haben die Götter ganz oben die Tatsache ignoriert, dass Abgasnormen mit der vorhandenen Technologie nicht einzuhalten sind, und Mitarbeiter zum Schwindeln gezwungen. Damit haben sie das Unternehmen beinahe zugrunde gerichtet.

Beide Fälle zeigen, dass das alte Führungsmodell "Law and Order" in der heutigen Zeit nicht mehr funktioniert: Zu fehleranfällig, engstirnig und uniform handeln die einsamen Entscheider, meist nur Männer, an der Spitze. Die Fragestellungen, um die es geht, lassen sich aber nicht mehr mit "Daumen hoch" oder "Daumen runter" lösen. Nötig sind unterschiedliche Betrachtungsweisen und breite Diskussion: Samsung wird flache Entscheidungsstrukturen, eigene Handlungsräume für Mitarbeiter und kleine selbstständige Einheiten einführen müssen, will es künftig innovativ und widerstandsfähig gegenüber Krisen sein. Das ist ein harter Weg, aber die einzige Aussicht auf ein Überleben.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 10:28 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/goetter-an-der-spitze-sind-eine-schwere-last-918607

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