Ist die Schule nur für Mädchen da?

Im Beruf soll man ein Leben lang lernen. Buben wird die Freude früh vergällt.

Gewagt gewonnen Gertraud Leimüller

Elternsprechtag in der 4c einer Wiener Volksschule: Die Lehrerinnen betonen, dass Michael "einer der ganz wenigen Buben in der Klasse ist, der auch mit Mädchen spielt". Bei noch einem Kind in der Klasse, Helena, betonen sie später, dass diese umgekehrt eines der wenigen Mädchen sei, das auch mit Buben spiele.
Gemischte Teams? Gleichberechtigung?

Willkommen in der Realität der Schule, in der es dank Feminisierung des Lehrberufs im deutschsprachigen Raum immer mehr Lehrerinnen gibt, aber immer weniger Lehrer. Volksschullehrerin ist wie Krankenpflegerin und Kindergärtnerin ein reiner Frauenberuf geworden. Sogar die Direktionen, in der Eltern- und Großelterngeneration meist männlich, sind heute weiblich. Nicht ganz so krass ist es an Neuen Mittelschulen und Gymnasien, aber auch dort überwiegen die Frauen.

Nun sind diese in vielen Fällen hervorragende Pädagoginnen und keinesfalls schlechter als Männer. Es gäbe also nichts auszusetzen, wäre da nicht ein kleiner Störfaktor: die Heerscharen an Buben, die Schule und Lernen uncool finden, auch weil es ihnen an männlichen Rollenvorbildern fehlt, denen sie nacheifern, die sie herausfordern und an denen sie sich reiben können. Buben wird die Freude am Lernen schon früh vergällt, es gibt einen eklatanten Mangel an Buben-gerechten Schulen.
"Mama, wozu soll ich das lernen? Das braucht man nicht im Leben!" Jedes Kind ist anders, auch Mädchen sind Gott sei Dank aufmüpfig. Doch generell tun sie sich leichter, sich an das System Schule anzupassen, was wiederum für sich genommen problematisch sein kann. Dennoch: Sie finden genügend Projektionsflächen und vielfältige weibliche Rollenvorbilder.

Bei Buben ist das anders. Sie sind nicht nur in der Sinnfrage hartnäckiger. Sie sind Optimierer und tun gerade nur so viel, dass sie durchkommen. Für die Freude ist vor allem die Freizeit zuständig. Liegt das nicht auch daran, dass es dort, wo fast nur Frauen das Sagen haben, gar nicht so leicht ist, die Lebenswelt der Buben adäquat hereinzuholen: mit Lust an Bewegung, am Wildsein, am Messen der Kräfte, an Natur und an Handwerk?

Die Schule braucht Männer genauso, wie sie Frauen braucht: Aber weder die Gesellschaft im Allgemeinen noch die Arbeitswelt im Besonderen können es sich leisten, dass Buben eher die Schule abbrechen und in geringerem Ausmaß Matura machen als Mädchen.

Das Ziel muss sein, Kindern so einzigartig, wie sie jeweils sind, Raum zu geben. In der Schweiz gibt es aus diesem Grund Bemühungen, Männer in Primarschulen zu holen, unter anderem durch Schnuppertage für Quereinsteiger (www.umstieg-lehrberuf.ch). Klingt nach einer guten Empfehlung für das vom PISA-Test geplagte Österreich.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 12:36 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/ist-die-schule-nur-fuer-maedchen-da-604276

Schlagzeilen