Japan - ein Zukunftslabor?

Gewagt gewonnen | Wirtschaft - Unternehmen Gertraud Leimüller

Zugegeben, man unterschätzt sie leicht: Japaner sind so höflich, dass sie einen stets ein Stück begleiten, wenn man nach dem Weg fragt. Zurückhaltend, niemals laut.

Bei all dem Lärm, der um Chinas Wachstum gemacht wird, vergisst man gern, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Japaner noch immer fünf Mal höher ist als das der Chinesen. Als drittgrößte Volkswirtschaft ist Japan nach wie vor eine globale Größe, aber zwei Jahrzehnte wirtschaftlicher Probleme hinterlassen Spuren. Man kann Japan als Zukunftslabor für Europa und speziell Österreich betrachten, dessen Wirtschaftsmotor schon lange stottert und anders als in Deutschland nicht ins Laufen kommen will. Die Japaner sparen und wer das Land kennt, sieht das daran, wie wenig in den beliebten Ausgehvierteln los ist.

Das Land leidet unter geringen Investitionen, auch solchen, die die Zukunft betreffen: Die Geburtenrate zählt mit 1,4 Kindern pro Frau zu den niedrigsten. Bemerkenswert ist, dass viele Menschen fast ganz ohne Beziehung leben, Singles sehr oft in Wohngemeinschaften. In der Generation der 20- und 30-jährigen Männer flüchten viele in Ersatzwelten, die von Comics und Computeranimationen ins echte Leben eindringen. So erfreuen sich etwa Maid-Cafés großer Beliebtheit. Dort begrüßen Mädchen, die als kindlich anmutende Zimmermädchen in kurzen Röckchen auftreten, die Gäste mit den Worten: "Willkommen, Meister, zu Hause."

Zur sozialen Isolation tragen auch die konservativen gesellschaftlichen Normen bei: Gerade macht in Tokio wieder der Selbstmord einer Frau Schlagzeilen, die auf 100 Überstunden im Monat kam. In Japan, wo man den Arbeitsplatz nicht verlassen darf, wenn der Chef noch nicht gegangen ist, keine Seltenheit. Da Mangel an bezahlbarer und guter Kinderbetreuung herrscht, tut man sich schwer, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu holen. Managerinnen findet man hier seltener als in Europa. Dabei würden Arbeitskräfte dringend gebraucht, da Japan Einwanderung verweigert. Statt Pflegekräfte anzustellen, entwickelt man lieber Roboter.

Wo ist heute der Mut für die Zukunft, fragt man, wenn man sich erinnert, dass Japan vor 30 Jahren technologisch und wirtschaftlich führend war. Der Unternehmergeist ist schwach entwickelt: Während in Peking die Start-up-Szene so wächst, dass sie größenmäßig bald Silicon Valley überholt haben wird, ist in Tokio wenig los. Die Bevölkerung wird bis 2050 von 127 auf unter 100 Millionen schrumpfen. Der Rückbau von Städten wird ein Thema.

Wird eines Tages auch unsere alternde Gesellschaft so aussehen? Als Europäerin verlässt man das Land mehr als nachdenklich.

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