Kopf hoch: Europas Innovationskraft ist nicht zu unterschätzen

Müder alter Mann oder eine energische junge Frau? Just ein US-Wissenschafter sagt, Europa werde als Kontinent unter Wert geschlagen.

Gewagt gewonnen Gertraud Leimüller

Aus dem Wikipedia-Eintrag von Boyd Cohen geht bis auf einen Vortrag in Wien kein besonderer Europa-Bezug hervor. Er ist US-Amerikaner, spezialisiert auf Stadtentwicklung und Nachhaltigkeit und Professor für Unternehmertum, Nachhaltigkeit und Smart Cities an der privaten Universidad del Desarrollo in Chile. Und doch sagt er, dass Europas Städte besser für die Zukunft gewappnet sind als jene in den USA. Cohen hat sieben Gründe gefunden, warum Europa die "Innovations-Hubs" der Zukunft eher beherbergen wird als die selbstbewusste Nation jenseits des Atlantiks.

Der erste Grund liegt darin, dass die Wahrscheinlichkeit in europäischen Städten generell höher ist, dass unterschiedliche Menschen wie Künstler, Wissenschafter und Unternehmer regelrecht zusammenstoßen und so neue, ungewöhnliche Ideen entstehen. Denn die Städte sind für Fußgänger und Radfahrer gemacht und nicht wie in den USA für Autofahrer.

Die Städte seien anziehender, sagt Cohen: Sieben der zehn weltbesten Städte in puncto Lebensqualität seien in Europa zu finden. Als zweiten Grund führt er an, dass Europa länger und intensiver in "Smart Cities", also effiziente, intelligente und sparsame Stadtentwicklung investiere. Die USA seien da erst eingestiegen.

Das dritte Argument ist bemerkenswert: Europas Städte verfügten über mehr weiche Infrastruktur für junges Unternehmertum als jene der USA. Als Indikator verwendet der Experte die Fab Labs - Technologielabore wie das HappyLab in Salzburg und Wien -, von denen es in Europa drei Mal so viele gebe wie in den USA. Viertens: Wer in Europa scheitert, fällt aufgrund der besser ausgeprägten Sicherheitsnetze nicht so tief wie in den USA. Das seien eigentlich gute Voraussetzungen, lockerer mit Fehlern umzugehen. Fünftens seien verschiedene europäische Länder, Regionen und Gemeinden in internationalen Innovationsvergleichen bereits jetzt überlegen. Der Mangel von Risikokapital in Europa ist für Cohen auch
kein wesentliches Problem: Eine Studie der Kauffman Foundation zeige, dass auch in den USA nur 6,5 Prozent der schnell wachsenden Start-ups über Venture Capital finanziert würden. Alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding würden an Bedeutung zunehmen. Bleibt als siebenter Grund: Europa ist offener für Einwanderer als die USA - und die tragen intensiv zu Gründungen und Unternehmertum in einem Land bei. Vielleicht ist Europa doch kein alter Mann, sondern eine energiegeladene junge Frau? Wie so oft im Leben kommt es auf die Perspektive an: Die Analyse sollte nicht stets in Selbstzerfleischung enden.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 11:59 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/kopf-hoch-europas-innovationskraft-ist-nicht-zu-unterschaetzen-1086613

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