Um nicht zur verlängerten Werkbank von Apple und Co. zu werden

Bitte aufwachen: Will Österreich in Zukunft eine Rolle als Produktionsland spielen, wird sich vieles ändern müssen.

Gewagt gewonnen | Wirtschaft - Unternehmen Gertraud Leimüller

Auf den ersten Blick erscheint es absurd, dass just in Deutschland die Angst umgeht, zur "verlängerten Werkbank von Apple und Co." zu werden. Exportweltmeister, Weltmeister in der Kombination Hochlohnland und Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe: Kaum ein anderes Land ist dermaßen erfolgreich damit, hohe Löhne und Weltbedeutung als Produktionsstandort zu kombinieren. Dennoch sei die Zukunft nicht gesichert, warnt das deutsche Prognos-Institut in einer aktuellen Studie zum Industriestandort 2030 im Auftrag der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft.

Dabei geht es weniger um die Konsequenzen des VW-Skandals auf den Automobilsektor. Die Bedrohung geht laut den Studienautoren tiefer und quer durch alle Branchen: Es geht um die Strukturen und die künftige Ausrichtung in der Produktion. Durch das Erstarken Chinas, Verschiebungen in Nachfrageländern, die Dominanz von US-Technologie- und Internetkonzernen und die Digitalisierung bleibe kein Stein auf dem anderen. Wird in dieser neuen Plattentektonik Platz für Österreich sein?

Bei uns tragen Gewerbe und Industrie zwar nicht wie in Deutschland 22 Prozent, sondern "nur" 18,5 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. Doch auch das ist mehr als im Europa-Durchschnitt (15 Prozent) und in den USA, wo Geld fast nur noch mit Dienstleistungen verdient wird. Der starke Produktionsanteil der österreichischen Wirtschaft ist ein wesentlicher Standortvorteil. Wie kann in Zukunft möglichst viel davon übrig bleiben?

Erste Antwort: Industrie- und Gewerbebetriebe selbst müssen radikal umdenken. Auch wenn das Schlagwort Industrie 4.0, meist als vernetzte, intelligente Produktion verstanden, jetzt in aller Munde ist. Damit ist es nicht getan. Es geht darum, dem Wandel der Nachfrage zu entsprechen: Kunden bezahlen immer mehr für komplexe Leistungen und nicht mehr für Eisen, Stahl und Holz. Allein davon zu leben geht sich in einem Hochlohnland nicht mehr aus. Logisch, dass etwa der deutsche Hersteller Kärcher nicht mehr in Stückzahlen rechnet, sondern an Onlineplattformen tüftelt, die alle Geräte vernetzen und Anwendern sofort zeigen, wo sie sich ein Gerät in ihrer Nähe ausleihen können. Ein anderes Beispiel: Rhomberg Bau in Vorarlberg arbeitet daran, Baumaterialien via Internet zu vernetzen und zurückverfolgbar zu machen - damit am Ende der Lebenszeit alle Rohstoffe aus dem Bauwerk herausgeholt und wieder genutzt werden können.

Zweite Antwort: Betriebe müssen Datenkompetenz aufbauen, weil das Geschäft mit Daten die Wertschöpfung der Zukunft prägt. Man kommt um das vernünftige Sammeln und Verknüpfen von Daten nicht herum, wenn man wirklich intelligente Services und Produkte anbieten will. Außerdem: Wollen wir alle unsere Daten US-amerikanischen Technologiekonzernen wie Apple, Google und Amazon schenken oder sollte Europa hier nicht auch ein Stück des Kuchens bekommen - und nebenbei damit mehr Kontrolle über seine Daten?

Aufgerufen am 19.11.2018 um 01:16 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/um-nicht-zur-verlaengerten-werkbank-von-apple-und-co-zu-werden-1041340

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