Was Apple und Google mit vermasselten Wahlen zu tun haben

Schnell wird der Ruf nach einem Rücktritt laut. Dabei geht es um etwas ganz anderes, nämlich "User Centricity".

Gewagt gewonnen | Wirtschaft - Unternehmen Gertraud Leimüller

Nehmen wir an, die hochnotpeinliche Klebstoff-Affäre, die zum neuerlichen Verschieben der Bundespräsidentenwahl in Österreich geführt hat, passiert nicht dem Staat, sondern einem Unternehmen, das die Durchführung ordnungsgemäßer Wahlen als Produkt am Markt anbietet. Was wäre dort die Konsequenz der Panne?

Natürlich würde man wegen des enormen Umsatzausfalls auch dort nach der Verantwortung fragen. Aber es ist wahrscheinlich, dass man insbesondere die internen Prozesse durchleuchten und verändern würde, damit ein solcher Fehler in Zukunft erst gar nicht mehr passiert. Beispiel Früherkennung: Etwaige Probleme mit zugekauften Wahlkuverts müssen künftig schon hausintern erkannt werden - wenn sie draußen verteilt sind, ist es zu spät.

In der Politik schaut man hingegen nicht auf gute Prozesse, sondern nur auf Köpfe. Also wird auch jetzt wieder debattiert, wer für die Panne die Verantwortung hat und daher eigentlich - wäre es nicht Österreich - den Hut nehmen müsste. Dabei ändert sich rein gar nichts, wenn bloß die Köpfe an der Spitze ausgewechselt werden, das System mit seinen Schwächen - und damit Prozesse, Zuständigkeiten und Arbeitsteilung - aber unangetastet bleibt.

Die Pannen sind die Frucht einer seit Jahrzehnten ängstlich vermiedenen und unzählige Male verschobenen Verwaltungsreform: Die öffentliche Verwaltung hat noch immer erstaunlich viele gute Köpfe, doch wäre sie ein Unternehmen, wäre sie längst bankrott, da lieferunfähig. Zu unklar ist, was das Unternehmen Verwaltung eigentlich in welcher Qualität produzieren soll. Dadurch gibt es enorme Leerläufe, Ineffizienzen und eben Pannen.

Und es fehlt auch das, was die Vorreiter der digitalen Businesswelt - ob sie nun Amazon, Apple oder auch Google heißen - groß gemacht hat: die Ausrichtung auf die Kunden und ihre Bedürfnisse, "User Centricity" genannt.

Würde sich die Politik endlich eine Verwaltungsreform zutrauen, welche die Bedürfnisse der Bürger in den Mittelpunkt stellt, sähen Wahlen in diesem Land anders aus. Und nicht nur das, auch die Zufriedenheit der Bürger mit der Politik wäre größer.

Ein Schlaglicht aus der Unternehmenswelt: Beim "Ease of Doing Business"-Ranking 2016, das die Weltbank jährlich erstellt, um darzustellen, wie einfach oder schwer es ist, in verschiedenen Ländern der Erde unternehmerisch tätig zu sein, landet Österreich nur auf Platz 21 von 186 Ländern. Wir entfernen uns Stück für Stück von der Spitze, seit 2015 gab es wieder eine Verschlechterung um einen Platz.

Besonders schlecht schneidet Österreich demnach bei der Gründung von jungen Unternehmen ab: Platz 106 von 186 für Österreich und eine Verschlechterung um fünf Plätze seit 2015, aber in bester Gesellschaft mit Nepal und Antigua.

Aufgerufen am 22.09.2018 um 04:00 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/was-apple-und-google-mit-vermasselten-wahlen-zu-tun-haben-1063105

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