Weiter die Augen schließen?

Gewagt gewonnen SN

Auszug aus dem Alltag eines Kleinbetriebs in Wien: Kollegin A arbeitet 24 Stunden pro Woche, weil sie ein 1,5-jähriges Kind hat. Ihre drei Arbeitstage sind häufig so dicht gepackt, dass sie keine Pause machen will und die Zeit lieber mit ihrer Familie verbringt. Kollege B ist ein Bergfreak, der oft ein paar Tage Zeitausgleich für seine Touren nimmt und, um genug Stunden auf dem Zeitkonto zu haben, ganz gern Elf-Stunden-Arbeitstage macht. Und C hockt überhaupt gern im Büro, vielleicht weil er zu Hause einsam ist und er hier immer etwas Ansprache hat. Zwölf Stunden am Tag.

Alle drei Fälle sind illegal und ungesund. Sie widersprechen dem österreichischen Arbeitszeitgesetz. Hier das pralle Leben, in dem jeder etwas anderes braucht, dort ein Gesetz, das alle Normunterworfenen einheitlich behandelt. Statt zu unterstützen, dass man entsprechend der jeweiligen Lebensphase und individuellen Wünsche arbeiten kann, machen wir typisch österreichisch Folgendes: Auf dem Papier vermerkt Kollegin A brav die obligatorische Pause nach mindestens sechs Stunden, obwohl sie die nie macht. B schreibt maximal zehn Stunden pro Tag (Höchstarbeitszeit laut Gesetz) und verschiebt die elfte Stunde kreativ auf einen anderen Tag und C trägt von Montag bis Freitag stets 8.30 bis 17.00 Uhr ein, weil ihn die Bürokratie anödet.

Weil es in der Mehrheit der Betriebe genau so läuft, dass sich Arbeitnehmer und Arbeitgeber ohnehin selbst ausmachen, wie und wann gearbeitet wird, und in den offiziellen Arbeitszeitaufzeichnungen etwas anderes steht, funktioniert auch alles ganz gut. Bis auf wenige Problembranchen im Niedriglohnbereich, wo Arbeitnehmer wenig Mitsprache haben. Man arbeitet flexibel am Gesetz vorbei, das so komplex ist, dass es keiner mehr durchschaut, außer er ist studierter Arbeitsrechtler. Einen solchen können sich Klein- und Mittelbetriebe, wo 68 Prozent aller Arbeitsplätze in Österreich angesiedelt sind, ohnehin nicht leisten.

Wer in der öffentlichen Debatte behauptet, man wolle den Zwölf-Stunden-Arbeitstag zur Regel machen und sich bloß Überstundenzuschläge sparen, der hat keine Ahnung von der heutigen Arbeitswelt und schaut einfach weg. Der Reformbedarf ist enorm. Vor allem Unternehmen, in denen es um die Zukunft geht, haben ein Problem: Sind sie familienfreundlich und kommen Mitarbeitern mit Wunscharbeitszeiten entgegen, ist der Rahmen genauso zu eng, wie wenn sie besonders innovativ sind. Kreativität lässt sich nicht zwischen 9 und 17 Uhr verordnen.

Aufgerufen am 23.11.2017 um 12:48 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/weiter-die-augen-schliessen-53905

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