Weltmeister im Smartphone-Wischen: Das genügt leider nicht

Eine zukunftsorientierte Sozialpolitik zu machen bedeutet, die Bürger auf die weitere Digitalisierung vorzubereiten.

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Gewagt gewonnen Gertraud Leimüller

Wir fürchten uns vor dem Aufmarsch der Roboter, schimpfen über das Überhandnehmen neuer, unverständlicher Technologien und denken über Maschinensteuern oder Umverteilungen à la Grundeinkommen nach: Das ist, grob vereinfacht, das gesellschaftliche Bild zur Digitalisierung. Reichlich defensiv, mehr abwartend und absichernd als vorausschauend und aktiv gestaltend. "Schau'n wir mal. Wird schon nicht so schlimm werden": Die typisch österreichische Haltung ist erprobt in Alltagssituationen. Sie ist jedoch fragwürdig als Strategie zur Bewältigung der großen Veränderungen des beginnenden 21. Jahrhunderts.

Mit dem Verteilen von Laptops an Schulen, mehr Angebot an IT-Ausbildungen für Schüler wie Berufstätige allein ist es nicht getan. Das sind wichtige und gute Initiativen, um nicht bloß Weltmeister im Smartphone-Wischen zu bleiben. Was es jetzt braucht, ist, die Bevölkerung auf große mentale Veränderungen vorzubereiten: Arbeit wird es auch in einer von vernetzten Robotern und intelligenten Geräten durchwobenen Welt zur Genüge geben. Die Sorge, dass es für den Menschen nichts mehr zu tun gibt, ist unbegründet. Die große Änderung ist, dass man wesentlich mehr kritische Denker, Selbststarter und Unternehmertypen brauchen wird als in der heutigen Arbeitswelt.

Statt Anpassung sind Kreativität und Offenheit gefragt. Das erfordert einen neuen "Menschenschlag", den man sich nicht allein vom Bildungssystem erwarten kann, weil er die gesamte Gesellschaft, das Heranwachsen und den Umgang miteinander betrifft. Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik sollte längst nicht mehr bloß Umverteilung sein, sondern ihren neuen Schwerpunkt darauf legen, die geistige Vorbereitung der Menschen auf die Digitalisierung voranzutreiben und zu unterstützen.

Wir wissen, dass viele Systeme in Politik, Wirtschaft und öffentlicher Verwaltung heute genau andersrum ticken: Abschottung und Konformität stehen hoch im Kurs. Wer einen eigenen Kopf hat, tut sich oft schwer.

Wie schaffen wir also den Wandel in der gesellschaftlichen Ausrichtung? Das ist die große Frage, der weder in den Unternehmen, in der Politik noch in den Denkfabriken bisher genug Platz eingeräumt wird. Noch ist Zeit, sie anzugehen und einer Spaltung in der Gesellschaft vorzubeugen: in jene Teile der Bevölkerung, die auf die Veränderungen gut vorbereitet sind, und jene, die ob der Intensität der Veränderungen einfach abgehängt werden.

Aufgerufen am 24.09.2018 um 04:28 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/weltmeister-im-smartphone-wischen-das-genuegt-leider-nicht-16884790

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