Zickiger Mann, coole Frau

Männer und Frauen werden in unserer Gesellschaft unfair beurteilt.

Gewagt gewonnen | Wirtschaft - Unternehmen Gertraud Leimüller

Stellen wir uns vor, die OMV würde von Frauen geführt: Nach einem monatelangen Streit in der Führungsetage, so wie er jetzt zur Abberufung des Vorstandschefs geführt hat, würde man sagen, die beteiligten Damen seien zickig, zu ehrgeizig, sozial unfähig.

Und stellen wir uns weiter vor, beim größten Anteilseigner, der Staatsholding ÖIAG, wäre eine Frau am Ruder. Nachdem sie dem Streit der Tochter so lange tatenlos zugesehen hat, würde man ein vernichtendes Urteil fällen: entscheidungsschwach, zu weich, für Führungsjobs ungeeignet.

Jetzt die Frage: Wer hat derartige Zuschreibungen in den letzten Tagen über OMV-Chef Roiss und ÖIAG-Chef Kemler gelesen? Weil sie Männer sind, gibt es keine angriffigen persönlichen Abwertungen, wie das bei Frauen automatisch der Fall wäre. Stattdessen nimmt man es großzügig und schulterzuckend zur Kenntnis, dass sich ein paar erwachsene Buben, inzwischen für mehrere Tausende Mitarbeiter verantwortlich, mit Schmutz bewerfen und nicht in der Lage sind, zu einer Einigung zu kommen. Und dass die Konsequenz, ein Hinauswurf, der Millionen kostet, nun die Steuerzahler zu tragen haben.

Stellen wir uns umgekehrt vor, nach dem Finanzskandal im Burgtheater hätte dort ein Mann die schwierige Aufgabe übernommen, den Scherbenhaufen zusammenzukehren und das Haus neu aufzustellen: Würde man dem Herrn Direktor vorwerfen, dass er einst als kleiner Sekretär angefangen habe? Dass er früher ja nur ein Pressesprecher gewesen sei? Vermutlich nicht. Denn ist ein Mann oben gelandet, schaut man nicht mehr auf die kleinen, dienenden Positionen, die er früher einmal innehatte. Man schaut nur mehr auf den heutigen Herrn Direktor und die Aura des Mächtigen, die ihn umgibt.

Karin Bergmann, die couragierte neue Direktorin des Burgtheaters, hält man hingegen vor, früher einmal "eine kleine Sekretärin" sowie "nur" Pressesprecherin gewesen zu sein. Man stellt damit ihre Kompetenz in Frage, macht sie von Anfang an klein, kratzt an ihrer Berechtigung, so einen wichtigen Posten bekleiden zu können.

Männer und Frauen werden in unserer Gesellschaft komplett unterschiedlich und unfair aufgrund ihres Geschlechts beurteilt, von Männern wie von Frauen. Wir klammern das gerne aus, doch es passiert täglich. Zu fest sind die Stereotype der "schwachen Frau" und des "starken Mannes" in unseren Köpfen verankert. Gelänge es, diesen falschen Beurteilungsmechanismus abzuschalten, hätte wir bessere Chefinnen und Chefs - und weniger Sandkastenspiele.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 06:41 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/zickiger-mann-coole-frau-3092140

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