Zu viele Egos in einem Raum ersticken jede Innovation

Brillante Selbstvermarkter stolpern mitunter nicht nur über sich selbst. Sie behindern Erneuerung, und das ist in Zeiten wie diesen besonders schlecht.

Gewagt gewonnen | Wirtschaft - Unternehmen Gertraud Leimüller

Gleich vorweg: Der jüngste Fall einer etwas egozentrischen Museumsdirektorin, die über ihre eigenen Allüren gestolpert ist, ist nicht repräsentativ. In der Welt der Wirtschafts- und Kulturbetriebe begegnet man wesentlich häufiger männlichen Egos, die mehr oder weniger Schaden in ihrer Umgebung anrichten. Ganz einfach, weil es diese Gesellschaft Frauen weniger gestattet, ihr volles narzisstisches Potenzial zu entfalten - und diese viel seltener in den Führungsetagen etwas zu sagen haben.

Für Organisationen, die eigentlich Kreativität und Innovation bräuchten, um sich neu zu erfinden, sind die großen Egos jedenfalls ein veritables Problem: Das beginnt bei der Spitze, die ja an sich eine eigene Anziehungskraft auf narzisstische Persönlichkeiten ausübt, und endet bei normalen Mitarbeitern. Der Chef, der draußen von der großen Zukunft und visionären Ideen redet, aber nicht bereit ist, daheim einen Teil der Kontrolle an die Mitarbeiter abzugeben, hat früher oder später ein massives Umsetzungsproblem: Am Ende bleiben nur Luftschlösser und Enttäuschungen. Denn der Funke, die Passion für das Neue kann nicht auf Mitarbeiter überspringen, wenn sie nichts tun dürfen und keine gestalterische Freiheit erfahren. Damit ein Unternehmen tatsächlich in der Lage ist, Neues hervorzubringen, müsste der Charismatiker oben endlich sein "Ich, ich, ich" aufgeben können.

Genauso lästig und schädlich sind die Berggorillas in Teams. Auf den ersten Blick erscheinen sie wissend und kreativ, weil sie sich exzellent präsentieren können. Doch nicht immer sind ihre Ideen so genial wie dargestellt. Vor allem können sie Projekte enorm bremsen: Wehe, wenn die großen Egos im gleichen Raum dann anfangen, darüber zu streiten, wer der Bessere sei. Dann kann man die Erneuerung, die stets ein Teamsport ist, der die Kraft von vielen erfordert, vorerst überhaupt vergessen.

Was also wäre der Idealzustand? Ehrlich gesagt fehlt es an Leisetretern, die Barrieren für Innovation auf die Seite räumen, neue Verbindungen zwischen Personen aufbauen und gute Ideen einspeisen, ohne gleich aus voller Brust die Eigentümerschaft für sich zu reklamieren. Dazu gehören auch Menschen, denen es aus vollem Herzen um die Sache geht, ihr Handwerk, das Produkt, ja den Fortschritt generell und nicht so sehr um Scheinwerferlicht und schnellen Applaus.

Echte Innovation ist harte Arbeit. Sie entsteht nicht so schnell, wie es die Gehetztheit dieser Zeit suggeriert. Und wir kommen leider nicht als Genies auf die Welt. Das sollten wir, bei allem Selbstbewusstsein, das sie haben dürfen, auch unseren Kindern mitgeben. Sie werden noch mehr Innovation brauchen als ihre Elterngeneration.

Aufgerufen am 19.09.2018 um 09:25 auf https://www.sn.at/kolumne/gewagt-gewonnen/zu-viele-egos-in-einem-raum-ersticken-jede-innovation-1192777

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