Der freiwillige Rückfall in die Verdummung

Manche betreiben politische Korrektheit bis zum Exzess und belegen damit nur ihren Mangel an Verstand.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Das Bemühen, andere Menschen nicht durch Sprache zu diskriminieren, ist löblich und wichtig. Der Versuch, Hautfarbe, sexuelle Vorlieben, Behinderungen und Benachteiligung wenigstens nicht durch den Gebrauch rüder Worte zu verfestigen, hat unsere Sprache verändert und dabei zwar nicht immer einfacher gemacht. Doch hat er dazu beigetragen, den abfälligen Ton an so mancher Rede zu entfernen.

Was freilich mit der politischen Korrektheit und deren Konsequenzen geschieht, sollte doch Anlass nicht nur zum Nachdenken, sondern zur Gegenwehr sein. Da gab es die Groteske um einen schwarzen Studenten in Oxford, der sich sein Studium nur dank eines Cecil-Rhodes-Stipendiums leisten konnte und der forderte, eine Rhodes-Statue aus einem Oxforder College zu entfernen, weil der Mann ja Kolonialist und Rassist gewesen sei. Der junge Mann hat sichtlich übersehen, dass ohne Rhodes er selbst und ganze Legionen farbiger Studenten nicht in Oxford hätten studieren können.

Den Vogel hat jetzt eine Gruppe von Studenten an der renommierten Yale-Universität in den USA abgeschossen. Sie lehnen sich dagegen auf, dass am Beginn des Anglistikstudiums "als Hauptbedingung für höhere Studien eine Abfolge der großen englischen Dichter" gelehrt wird. Die Tatsache, dass in diesem Studienabschnitt ausschließlich weiße, männliche Autoren diskutiert würden statt der literarischen Werke von Nichtweißen, Schwulen und Lesben, schade den nicht weißen Studenten.

Die Erstsemestrigen, die müssen es ja ganz genau wissen, übersehen nur eine Kleinigkeit: Das Studium der Literatur kommt nicht um die gründliche Kenntnis der großen Klassiker herum, ganz gleich in welcher Sprache. Es braucht dieses Wissen, um die Entwicklung von Literatur zu verstehen und somit auch die Entwicklung hin zu den Werken von späteren nicht weißen, schwulen, lesbischen Autoren und Autorinnen und auch die aller sonstigen Gruppen von Minderheiten.

Es ist höchst bedauerlich, dass in jenen Gesellschaften Frauen, Schwarze, Nichtchristen keine Chance hatten, als Literaten tätig zu sein. Aber die literarische Auseinandersetzung mit Shakespeare und Co. deshalb abzulehnen ist nicht nur bedauerlich, sie ist hirnverbrannt dumm.

Man sollte den Studenten von Yale, die da ihre politische Überkorrektheit äußerln geführt haben, zugestehen, dass sie diese Forderung nicht aus Dummheit erhoben haben, sondern einfach aus purer Faulheit. Sie wollten sich den Mühen der Texte von Shakespeare nicht aussetzen. Und ein Trost bleibt ihnen: Faulheit kann man ändern, Dummheit nicht.

Aufgerufen am 23.09.2018 um 02:37 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/der-freiwillige-rueckfall-in-die-verdummung-1196203

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