Eine Nagelprobe am Rande des Geschehens in der Türkei

Die türkische Diaspora muss sich entscheiden, wer ihre Loyalität genießt: die Länder, in denen sie leben, oder die alte Heimat.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Der Militärputsch in der Türkei und seine Niederschlagung bringen nicht nur die Türkei durcheinander. Die Ereignisse des vergangenen Wochenendes schlagen auch hohe Wellen in der türkischen Diaspora, überall dort, wo Türken in Europa leben. Die türkischen Gemeinden in Deutschland und Österreich zeichnen sich durch einen besonders hohen Grad an Politisierung aus. Man sieht an den Demonstrationen nach dem gescheiterten Militärputsch, welch großen Einfluss von Ankara aus gesteuerte türkische Vereine und politische Gruppen haben.

Vor allem in Deutschland registriert eine besorgte Öffentlichkeit, dass Pro-Erdoğan-Türken es nicht nur bei starken Worten belassen. Wer immer es in unserem Nachbarland wagt, als Türke Kritik an dem starken Mann der Türkei zu üben, der ist sich des Zorns von Erdoğans Anhängern sicher. Und nicht nur des Zorns: Hassmails, Drohungen per Telefon, üble Beschimpfungen und auch der eine oder andere Angriff auf Lokale und Geschäfte von Oppositionellen gehören in dieser Zeit zum Alltag.

Schon die Auftritte Erdoğans in Deutschland haben gezeigt, dass er und die Seinen die Türken in Europa nicht als Gäste betrachten, die sich in die Gesellschaften ihrer Gastländer integrieren, sondern als Vertreter eines Türkentums, das bedenklich an die Nationalismen des vorigen Jahrhunderts erinnert. Eines Nationalismus, der eine ganze Ära in unendliches Elend gestoßen hat, der furchtbare Kriege verschuldet und Europa in Ströme von Blut getaucht hat.

Wer nach Europa eingewandert ist, sollte selbst größtes Interesse daran haben, seine Prioritäten richtig zu setzen und seine Loyalität auf jenes Heim richten, in dem er wohnt. Wer aus welchen Gründen immer seine alte Heimat verlassen hat, der muss nicht nur eine neue Sprache lernen und sich an neue Bräuche gewöhnen. Er täte auch gut daran, seine politische Teilnahme auf seine soziale Umgebung auszurichten. Es ist geradezu grotesk, wenn Türken, die in Österreich oder Deutschland leben, sich für die Politik hierzulande überhaupt nicht interessieren, wohl aber fanatisch Position beziehen in der Innenpolitik des Landes, aus dem ihre Eltern oder ihre Großeltern einst nicht ohne Grund weggegangen sind.

Es mag ja sein, dass der Möchtegern-Sultan von Ankara von der Türkei als Großmacht träumt, dass er die sechs Millionen Auslandstürken als "seine" loyalen Untertanen betrachtet. Doch werden die Türken, die über ganz Europa verstreut sind, irgendwann einmal die Entscheidung treffen müssen, ihren Gastländern ihre volle Loyalität zu schenken oder doch wieder unter die Fuchtel des Despoten zurückzukehren.

Aufgerufen am 09.12.2018 um 10:33 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/eine-nagelprobe-am-rande-des-geschehens-in-der-tuerkei-1244083

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