Wenn unverrückbare Säulen zu bröckeln beginnen

Ewige Gewissheiten, eherne Gesetze und unverrückbare Eckpunkte machen das Leben berechenbar. Doch sie schwinden dahin.

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HEVI Viktor Hermann

Je volatiler und unsicherer das Leben ist, desto mehr sind wir darauf angewiesen, dass wir uns auf einige Dinge verlassen können. Diese Säulen, diese Marksteine geben uns die Sicherheit, ohne die wir die Unwägbarkeiten des Alltags nur schwer ertragen können.

Doch gerade die Nachrichten der vergangenen paar Tage belegen, dass nichts mehr sicher ist, was wir für unverrückbar gehalten haben. Und in manchen Fällen ist das schade.

Begonnen hat es mit der Absenz eines Mannes, der an der Spitze der zuverlässigsten Tyrannei der Welt steht (oder eben nicht mehr steht). Nordkoreas jugendlich-pausbäckiger Kim Jong Un hat sich etliche Wochen lang nicht in der Öffentlichkeit gezeigt. Und das, obwohl die permanente Präsenz des Großen Bruders sozusagen konstituierendes Element dieser totalitären Diktatur ist.

Die Welt der Nordkroea-Astrologen geriet für Wochen aus den Fugen, weil man sich den Kopf darüber zerbrechen musste, ob das Auftauchen von Kims persönlichem Leibwächter an der Seite eines anderen Mannes nun schon ein Beweis für den Tod oder wenigstens den Sturz des Diktators sei. Nun, da Kim - angeblich - wieder aufgetaucht ist, zerbricht sich die vereinte Nordkorea-Astrologie kollektiv den Kopf darüber, was das denn nun wieder heißen könnte.

Indes hat die deutsche Fußballnationalmannschaft das Gegenteil dessen angetreten, was man einen Siegeszug nennen könnte. Das Team des Jogi Löw zerstört die Gewissheit, dass Fußball eine Veranstaltung sei, bei der 22 Männer neunzig Minuten hinter einem Ball herrennen und am Ende die Deutschen gewinnen. Niemand kann sich die Serie von Niederlagen erklären - und ein deutscher Kolumnist ging sogar so weit, von einer "Versöhnungstour" zu sprechen. Man habe Argentinien gewinnen lassen, um sich für das Finale bei der WM zu entschuldigen und Polen wegen aller politischen Sünden der Vergangenheit. Weitere Niederlagen könnten als Bitte um Vergebung für das Spardiktat in der Finanzkrise gelten.

Zu guter Letzt verblüfft uns die katholische Kirche mit Äußerungen zu Ehescheidung und Homosexualität, die in diametralem Gegensatz zu allem stehen, was Päpste und Bischöfe in den vergangenen zweitausend Jahren verkündet haben. Dass jetzt plötzlich Schwule als Menschen "respektiert" werden, dass Geschiedenen nicht mehr generell ein permanenter Aufenthalt im Höllenfeuer prophezeit wird, ist geradezu beunruhigend revolutionär. Und wer weiß, ob da nicht noch mehr kommt.

Fehlt gerade noch, dass den Frauen die Priesterweihe angeboten wird und womöglich auch noch das aktive und passive Wahlrecht im Konklave.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 01:08 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/wenn-unverrueckbare-saeulen-zu-broeckeln-beginnen-3098434

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