Wladimir und Recep oder: Eine seltsame Liebesbeziehung

Gleich und Gleich gesellt sich gern. Das gilt nicht nur unter Gaunern, sondern auch unter autokratischen Herrschern.

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HEVI | Politik und Gesellschat Viktor Hermann

Wir kennen das aus dem Kindergarten: Erst prügeln sie sich, reißen einander an den Haaren, bedenken einander mit den übelsten Schimpfworten, die Vierjährigen einfallen. Und fünf Minuten später sind sie beste Freunde, die gemeinsam gegen alle anderen stehen. Für Vier- bis Sechsjährige beiderlei Geschlechts ist das wichtiger Bestandteil des Aufwachsens, unter 14- bis 16-jährigen Burschen gehört das zu jenem Prozess, an dessen Ende halbwegs erwachsene Männer stehen. Doch wie ist das bei ausgewachsenen Mannsbildern, die einander alles Böse vorwerfen, einander die Ehre abschneiden und einander plötzlich umarmen? Und wie erst, wenn diese Männer waschechte Autokraten sind, beide Herren über große Armeen, mit Panzern und Flugzeugen und Millionen von waffentragenden Soldaten?

Nun, Recep Tayyip Erdoğan und Wladimir Putin geben gerade auf der weltpolitischen Bühne das Stück "Pack schlägt sich, Pack verträgt sich". Es ist noch gar nicht lang her, da unterstellte der Kreml (und aus dem Kreml dringt kein Wort, das nicht von Putin persönlich sanktioniert ist) der Familie Erdoğans, sie sei in den illegalen Ölhandel der islamistischen Terrorbande IS verwickelt und werde reich durch die Unterstützung von Massenmördern. Es ist auch noch nicht lang her, da ließ Erdoğan ein russisches Flugzeug, das bei einem Einsatz in Syrien der türkischen Grenze allzu nahe kam, abschießen. Damals gab es aus Ankara nur Lob für die beteiligten türkischen Piloten. Mittlerweile sind sie beide verhaftet und stehen unter Anklage, die Türkei zahlt der Familie des abgeschossenen russischen Piloten eine Millionenentschädigung.

Plötzlich ist alles eitel Wonne und Freundschaft zwischen zwei alten Rivalen. Erdoğan besucht Putin, die Freundschaftsbekundungen triefen nur so vor Schmalz, man schmiegt sich aneinander, dass fast schon kein Blatt Papier mehr zwischen den Möchtegern-Zaren im Kreml und den Möchtegern-Sultan im Palast der tausend Zimmer in Ankara passt. Dabei sind die beiden Länder seit den Zeiten der Zaren und Sultane fast schon so etwas wie Erzfeinde gewesen, weil ja das russische Reich seinen Einfluss immer schon über den Kaukasus hinaus nach Süden ausdehnen wollte und das Osmanische Reich gerade dies verhinderte.

Jetzt, da beide sich als autokratische Herrscher einbetoniert haben, stehen sie Schulter an Schulter gegen all jene, die andere Werte vertreten und von anderen einfordern: Menschenrechte, Demokratie, Meinungsfreiheit.

So eng diese überraschende Freundschaft auch zu sein scheint, es fehlt ihr doch an jener Tiefe, die langsam gewachsene Partnerschaft erzeugt. Wenn sich das Pack lang genug vertragen hat, dann wird es sich wieder schlagen.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 07:17 auf https://www.sn.at/kolumne/hevi/wladimir-und-recep-oder-eine-seltsame-liebesbeziehung-1173619

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