Das ungelöste Problem der Migration

Wer den Flüchtlingsstrom umlenken will, muss in Herkunftsländern investieren.

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Hinter den Zahlen Marianne Kager

Mag sein, dass die Flüchtlingskrise manchen als gelöst erscheint. Auch wenn uns österrei chische Politiker glauben machen, sie hätten das Problem zumindest für uns gelöst - Stichwort Schließung der Balkanroute (was so nicht stimmt) -, wird uns das Migrationspro blem in Europa noch lange beschäftigen.

Weltweit haben wir es mit 245 Millionen Migranten zu tun, 20 Millionen sind Flüchtlinge im engeren Sinn. Für sie sind die Hauptaufnahmeländer keineswegs die reichen Länder des Nordens, sondern die Nachbarn in Afrika, dem Nahen Osten oder Asien. Auf Industrieländer entfallen rund drei Millionen Flüchtlinge. Zudem gibt es laut UNHCR 37 Millionen sogenannte Binnenflüchtlinge, die innerhalb ihrer Staatsgrenzen von einer Region in eine andere fliehen (in Syrien oder im Irak) - aufgrund von Krieg, Vertreibung und Hunger.

Für die Flüchtlings- und Immigrationswelle nach Europa sind zwei Faktoren hauptverantwortlich: einmal die mangelnde internationale Flüchtlingshilfe. So bat das UNHCR 2014 um zusätzliche 7,7 Mrd. Dollar für die fünf Millionen syrischen Flüchtlinge, bekommen hat es die Hälfte. Am Rande: Das österreichische Außenamt gab damals zusätzlich lächerliche 3,6 Mill. Euro an das UNHCR und 5,3 Mill. Euro Direkthilfe. In der Folge musste die Nahrungsmittelhilfe auf monatlich 12,5 Dollar pro Kopf gesenkt werden, 229.000 Flüchtlingen wurde sie komplett gestrichen. Damit war der Aufbruch aus den Lagern garantiert. Ex post kann man sagen, mehr Großzügigkeit der Geberländer hätte viele Probleme erspart. Ähnlich ist die Lage in Somalia und Afghanistan. Hier geht es nicht um ein besseres Leben, sondern einfach um das Überleben. Nicht die gern zitierten Pull-Faktoren wie Mindestsicherung und Sozialleistungen, sondern schlicht Krieg, Hunger und Angst sind die Fluchtgründe.

Das langfristig größte Problem für Europa ist allerdings die Migration aus Afrika. Man redet hier gern von Wirtschaftsflüchtlingen, wobei dieser Ausdruck irreführend, wenn nicht zynisch ist. Die Klimaerwärmung macht große Teile Afrikas zu Dürregebieten, die Menschen dort machen sich auf den Weg, um zu überleben. Sicher, Europa kann nicht Millionen Flüchtlinge aus Afrika aufnehmen, aber Europa kann und muss Afrika helfen. Afrika braucht Wasser und dafür braucht es Strom. Aber in den Subsahara-Ländern haben nur 37 Prozent der Bevölkerung Strom, auf dem Land nur 16 Prozent. Zur Elektrifizierung sind Investitionen von 1000 Mrd. Dollar notwendig. Und Strom braucht man auch, um Tiefbrunnen zu betreiben. Die G20-Länder haben für den Gipfel im Juli das Thema Afrikahilfe auf der Agenda - mit welchem Ergebnis, ist offen.

Eines ist klar: Weder ein NATO-Stacheldraht noch Anhaltelager in vom Bürgerkrieg geschüttelten Ländern wie Libyen werden Menschen aufhalten, die um ihr Überleben kämpfen. Was helfen kann, ist der Aufbau einer Infrastruktur zum Überleben im eigenen Land und ausreichend finanzielle Mittel für die internationale Flüchtlingshilfe. Alles andere ist langfristig keine Lösung.

Aufgerufen am 22.10.2018 um 06:18 auf https://www.sn.at/kolumne/hinter-den-zahlen/das-ungeloeste-problem-der-migration-12469780

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