Der Bonussegen in der Finanzindustrie

Exzessive Boni erhöhen die Risikobereitschaft. Doch für die Fondsindustrie gibt es immer noch keine genauen Vorgaben und Regeln.

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Hinter den Zahlen|Internationale Wirtschaftsthemen Marianne Kager

In und nach der Finanzkrise wurde die Entlohnungsstruktur von Banken und Finanzinstituten heftig kritisiert. Dabei ging es nicht nur um die Höhe der Managementbezüge, sondern vor allem um die variablen, gewinnabhängigen Gehaltsbestandteile. Boni, so hieß es, würden das Management verleiten, auf kurzfristige, besonders risikoreiche Strategien zu setzen und so die Stabilität des Finanzsystems beschädigen. Nun war die Bonikultur im Finanzsektor sicher nicht der einzige Grund für die Finanzkrise. Dennoch: Dass exzessive Boni, die ein Vielfaches des Grundgehalts ausmachen, die Risikobereitschaft erhöhen, ist nicht von der Hand zu weisen. Insbesondere dann, wenn ihre Höhe von kurzfristigen Ertragskennzahlen abhängt.

Um das zu verhindern, schritt der Gesetzgeber zur Tat. Mittlerweile gibt es strenge Regeln für Banken und ihre Töchter. Boni dürfen nicht mehr als 100 Prozent, in Ausnahmefällen 200 Prozent des Grundgehalts betragen, sie müssen eine langfristige Erfolgskomponente beinhalten und dürfen nicht sofort zur Gänze ausbezahlt werden. Für Finanzinstitute wie Investmentfonds, Asset-Management-Firmen und Ähnliche gelten abgeschwächte Regeln. Sie haben es - dank massiven Lobbyings - geschafft, die Relation von fixen zu variablen Gehaltsbestandteilen aufzuweichen. Es gibt keine exakte Vorgabe mehr, die Empfehlung lautet nur mehr: "Boni müssen angemessen sein."

Das wirft zumindest zwei Fragen auf. Erstens: Warum gibt es für Banken genaue Vorgaben und für die Fondsindustrie nicht? Auch Fondsgesellschaften können durchaus systemische Krisen provozieren. 1998 hätte der Bankrott des US-Investmentfonds LTCM beinahe einen weltweiten Kollaps des Finanzsystems ausgelöst. Die Fondsprodukte von Asset-Management-Firmen werden nämlich fast ausschließlich von anderen Finanzintermediären (Versicherungen) und institutionellen Investoren gekauft. Werden die Fondsprodukte wertlos, so kommen auch diese Institute in Gefahr.

Zweitens: Von Angemessenheit der Boni kann nicht die Rede sein. Dass der Bonus der Topmanager der größten europäischen und amerikanischen Asset-Management-Firmen im Durchschnitt 15 Mal größer ist als ihr Grundgehalt - zweistellige Millionenbeträge sind dabei keine Seltenheit -, hat selbst die "Financial Times" zur Überschrift: "Bonus culture in asset management out of control" bewogen. Viele fragen sich, wieso Millionen an Erfolgsprämien gezahlt werden, wenn bis zu 90 Prozent der sogenannten gemanagten Investmentfonds im Vergleich zu den jeweiligen Märkten unterdurchschnittliche Erträge erwirtschaften. Und das - laut Standard & Poor's - nicht nur im vergangenen Jahr, sondern auch im Fünf- und Zehnjahresdurchschnitt.

Angesichts geschrumpfter Renditen beginnen sich Kunden wie Pensionsversicherungen, die ihren Versicherten kaum mehr Erträge bieten können, zu fragen, ob die Risikostruktur der gekauften Fondsprodukte und die hohen Gebühren - von denen die Boni bezahlt werden - gerechtfertigt sind. Das ist gut so, denn hier geht es um die Sicherheit und Erträge des Durchschnittsbürgers, die letztlich durch nicht zu rechtfertigende Boni geschmälert werden. Übrigens: Die englischen Behörden weigern sich, die strikten EU-Regeln für Banken umzusetzen und interpretieren die Regeln für die anderen Finanzinstitute sehr großzügig. Wie bizarr, dass englische Politiker noch immer für jedes Übel die EU verantwortlich machen.

Aufgerufen am 26.09.2018 um 06:51 auf https://www.sn.at/kolumne/hinter-den-zahlen/der-bonussegen-in-der-finanzindustrie-1045672

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