Handwerklicher Mangel, nicht Selbstzensur

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Mediathek Peter Plaikner

Wer Artikel zum umstrittenen Österreich-Gespräch mit Jan Böhmermann sucht, sieht sofort, dass dies ein ORF-Interview gewesen ist. Ähnlich einfach ist Clarissa Stadler als Moderatorin zu finden, die sich im Namen des Senders von Aussagen des Brachial-Satirikers distanziert hat. Deutlich schwieriger gerät die Fahndung nach dem Interviewer. Die Berichterstatter unterschlagen ihn durchwegs. In der am Welttag der Pressefreiheit verbreiteten Aussendung zum Programm des "Kulturmontags" fehlt sogar die Ankündigung des Beitrags.

Das sollte stutzig machen in einem Land, wo jedermann möchtegernkundig den Interviewstil eines seiner profiliertesten Journalisten diskutiert. Hätte dieser Armin Wolf das Gespräch mit Böhmermann geführt, wäre niemand auf die Idee gekommen, sich zu distanzieren. Denn die Distanz wäre klar erkennbar gewesen. Doch der ORF-Journalist servierte Auflagen im Stil von Kultur-Talk - Stichworte ohne Nachhaken. Ein fataler Fehlpass zu einem politischen Aktivisten in vollem Sturmlauf.

Wer Clarissa Stadler oder TV-Kulturchef Martin Traxl nun für ihre Vorsicht schilt, handelt ebenso unfair, wie jene unredlich agieren, die den ORF deshalb der Selbstzensur zeihen. Der Ausgangspunkt der Affäre ist eine handwerkliche Unzulänglichkeit, die in einer aufrichtigen Diskussion nicht verschwiegen werden darf: Böhmermann so zu befragen wirkte ungefähr so wie das Gespräch eines Sportreporters mit Putin. Der Rest ist kein Problem von Selbstzensur, sondern ein Mangel an Fehlerkultur.

Aufgerufen am 14.10.2019 um 04:56 auf https://www.sn.at/kolumne/mediathek/mediathek-handwerklicher-mangel-nicht-selbstzensur-70318012

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