Lauthals in Stockholm

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Mein Europa Gudrun Doringer

19 Jahre alt, zwei Koffer in den Händen, ein wenig Bammel und viele warme Pullover im Gepäck. So kam ich für mein Erasmus-Jahr als Studentin in Stockholm an. Dunkel war's. Die hellen Tage sollten erst kommen. Was habe ich verschlafen! Nur mittwochs, da war ich stets hellwach. Das erste Mal vor Schreck. Abends, gegen halb elf Uhr, ging ein Gebrüll los, als stünde das ganze Studentenheim in Flammen. In Pyjama und leichter Panik rannte ich auf den Gang - niemand zu sehen. Die Mitbewohner hingen nämlich alle aus den geöffneten Fenstern und schrien aus Leibeskräften in den Nachthimmel hinaus. Zur Vorbeugung von Depressionen, wie mir einer in einer Atempause erklärte. Ich brüllte sogleich und ab da wöchentlich mit. Was für eine Wohltat!

Seit ich zurück bin, verlege ich die Depressions-Vorsorge auf die Autobahn. Aus Rücksicht auf meine Nachbarn, ein wenig auch aus Sorge, man könnte mich wohin bringen, wo ich tatsächlich depressiv würde. Ich kann die Sache mit dem Schreien nur empfehlen. Die Sache mit der Horizonterweiterung auch. Und Schweden sowieso. Das würde ich sogar von der Festung brüllen.

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