Bescheidene Weihnachten

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Mein Weihnachten Hans Wiesinger

Als siebenjähriger Zögling war ich in den Nachkriegsjahren fünf Jahre im Caritasheim Gleink bei Steyr untergebracht. Wir Kinder wurden alljährlich von der amerikanischen Besatzungsmacht nach Hörsching zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Wir wurden mit GMC-LKWs abgeholt, die amerikanischen
Unterkünfte waren ganz kitschig weihnachtlich geschmückt, aber das Essen war wunderbar. Wir konnten uns wieder satt essen und Süßigkeiten haben wir auch erhalten.

Welch glückselige Augenblicke in dieser entbehrungsreichen Zeit. Schlimm war nur die Rückkehr ins triste und spartanische Heimleben.
Besonders brave Kinder durften vor Weihnachten vom Postamt Christkindl die Heimpost mit einem Leiterwagen abholen. Trotz Schneefall und Kälte hatten wir nur kurze Hosen an und keine festen Schuhe. Vorne lenkte mein achtjähriger Freund, und ich schob hinten an, und so fuhren wir durch eine tief winterliche
Landschaft zum Postamt Christkindl. Da ging Weihnachten direkt durchs Herz, und wir waren sehr traurig, fehlten uns doch gerade zu dieser Zeit - dem Fest der Liebe - die Eltern.
Im Heim waren in jedem Raum hohe eiserne Öfen. Es war uns während des Jahres streng verboten, diese zu berühren, weil die Pflege offensichtlich sehr aufwendig war. Als Weihnachtsgeschenk (!) hat jedes Kind eine Scheibe Schwarzbrot erhalten und am Heiligen Abend durften wir das Brot am heißen Ofen ausnahmsweise toasten.
Es war der Himmel auf Erden, welche Köstlichkeit, wir waren glücklich und zufrieden.


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