Der Professor in der Mette

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Mein Weihnachten Christopher Wanko

Müde von den Mühen der Alltäglichkeiten, richtete sich der Professor für die Mette am frühen Abend. Üblicherweise besuchte er die traditionelle zu mitternächtlicher Stunde, doch eine leise Ahnung, die ihm einfuhr sowie er innehielt und auf seine körperlichen Signale achtete, sagte ihm, dass er an diesem Tage es wohl kaum in sie schaffen werde, geschweige denn fähig wäre, der oftmals ausschweifenden Predigt des Pfarrers gewissenhaft zu folgen und späterhin in einer Art besonderer meditativer Reflexion eingehender zu verarbeiten. So musste es also der merklich kürzere, familienfreundliche Gottesdienst werden, und er schlüpfte in Mantel, Schuhe und Handschuhe, band sich ob des entzündlichen Halses einen sonderlich warmen Schal um, dies alles im Bewusstsein geschehend, dass es bereits übermäßig spät war und die Sitzplätze mit jeder weiteren Sekunde ihre Unbesetztheit einbüßten. Hastig verabschiedete er sich vom Bild der schon länger verblichenen Gemahlin, das einer Devotionalie gleich auf dem Schuhkasten stand, und trat aus der Stube.
In seiner Erinnerung waren die Straßen weiß und glitzerten im Widerschein der Gaslaternen; nun aber schaute das fantasielose Auge bloß gräuliche Schatten, die keine der abertausenden Lichter des einundzwanzigsten Jahrhunderts zurückwarfen - und auch knirschte es unter den Sohlen nicht, weil Schneekristalle zerdrückt wurden und brachen, sondern aufgrund der jeglichen Unfall zu vermeiden trachtenden Stadtverwaltung, die vorsorglich höchst großzügig hatte streuen lassen. Hinter Fenstern erkannte man so manch aufgeputzten Christbaum, die Straßenbahn beförderte noch recht viele Menschen, und wie als mahnender Ruf erschallten die Kirchenglocken - glücklicherweise aber nicht gar so leise, dachte er, und beschleunigte seinen Gang im sich unerbittlich engenden Rahmen des Alters. Dann, vor dem Tor, steckte er dem Bettler einige Münzen zu, welcher sie mit stummem Dank entgegennahm und, kam es dem Professor heiter in den Sinn, heute wohl mehr eingenommen haben dürfte als er selbst.
Soeben war das erste Lied beendet worden, der in Gold gewandete Pfarrer hieß die Feiernden herzlich willkommen. Er strahlte an diesem Abend im Trubel des heiligen Anlasses eine geradezu unerschütterliche Ruhe aus. Die Kirche war voll; ab und an tönten Huster und Schnäuzgeräusche durch seine Worte, Schulter an Schulter saßen die Leute in den Bänken. Manche, vor allem Ältere, hatten die Hände gefaltet und den Rücken demütig nach vorn gebeugt.
Es schien dem Professor wunderlich, dass ungeachtet des Andranges dennoch in einer der letzten Bänke ein Fleck kalt geblieben war und er sich darauf niederlassen konnte. Zur Linken hatte er nun den Hauptgang, zur Rechten ein kleines Mädchen, das neben ihrer Mutter unruhig hin- und herrutschte. Es war etwa fünf oder sechs Jahre alt, hatte mittelblondes Haar und einen wachen Blick, der geradewegs auf ihren Sitznachbarn geheftet war, welcher ihn lächelnd erwiderte, ehe sie sich der Unhöflichkeit eines unverwandten Starrens erinnerte und ihn sogleich hastig abwandte.
Dem Professor waren nur wenige Gesichter vertraut; hauptsächlich handelte es sich um jene, die man flüchtig kennt, deren dahinter verborgene Person einem jedoch unvertraut ist und zweifellos auch bleiben wird. Über den Häuptern schwebten bebänderte Lüster, indessen von der Kanzel ein vermutlich durch Kinderhand verziertes Banner hing, das die frohe Botschaft verkündete. Im Fang der Strahlwärme Hunderter Leiber war die Winterkleidung ein Übel; er gestattete es sich, den Schal abzulegen.
Das Zeremoniell ließ ihn - er hatte es sich doch zu vermeiden vorgenommen - allmählich in einen Zustand dämmrigen Nichtdenkens verfallen, dem gegenwärtige Schuld- und Glaubensbekenntnisformeln sogar in absonderlicher Weise zuarbeiteten: Seit Kindertagen auswendig Gelerntes durchströmte die Menge und ließ Schemen von Vergangenheit und Zukunft, die im Stillen gewiss vordergründig geworden wären, keinen Raum. Wie in leichte Watte gepackt war es, als sei der Wirklichkeit ein fast zauberhafter Schleier übergestreift, zart und doch unbestreitbar die Erlösung von all dem Schlechten verheißend, das gerade in dunklen Monaten von so vielen Besitz zu ergreifen droht.
In dieser, fast möchte man es Schläfrigkeit nennen, blieb gar das Meiste des Evangeliums ungehört. Zwischen Quirinius und flatternden Engeln lag die Aufmerksamkeit des Professors auf den riesigen Gemälden des Kreuzweges, und nicht einmal auf ihren Darstellungen, sondern vielmehr auf den Ölfarben und Unregelmäßigkeiten - winzige, unvermeidlich stellenweise auftretende Bläschen - in der zweidimensionalen Ebene. Die sich anschließende Predigt wurde von ihm satzweise aufgenommen. Der Pfarrer rief in seinem Eifer beinahe, gerade heutzutage müsse man wachsam sein, die Werte achten auf diesem immer rascher rotierenden Erdball, da einem Wertlosigkeit nur dann dräute, wenn man ihnen entsagte.
Der Kollektenkorb ging um, Musik begleitete das unaufhörliche Klimpern kleiner Münzen, unentwegt dankten die Ministranten. Das kleine Mädchen, so lange artig geblieben, ärgerte es, dass die Mutter ihr nichts gab, was sie in den Korb werfen durfte, und verschränkte, sowie der Ministrant die Reihe passiert hatte, trotzig die Arme vor der Brust. Gar nicht war sie bald darauf willens, den Friedensgruß zu spenden, was wiederum die Mutter erzürnte und sie den Professor gequält-entschuldigend anblickte, dessen Miene kaum sein Amüsement über den Kampf zwischen kindlichem Trotz und erwachsener Formwahrung zu verbergen vermochte.
Von der Wandlung ist wenig zu berichten; sie war, wie alles, was heute geschah, dem gewöhnlichen Ritus zwar in Größe voraus, doch waren dies ebenso die restlichen Abschnitte irgendwie gewesen. Die Erhabenheit der aufeinanderfolgenden Momente setzte es fort, dem Mädchen hartnäckig zu entgehen, war es ihr doch auch verboten, Brot oder gar Wein anzunehmen wie die Größeren. Sie wollte vom Pfarrer nicht bekreuzigt werden, störrisch blieb sie sitzen und musterte Deckengewölbe oder Reliquienschrein - schlicht dasjenige in Sichtweite, für das keine unnötigen Halsverdrehungen notwendig waren. Insgesamt aber lockerte sich die Stimmung, als die Entlassung näher rückte. Man frohlockte, daheim würde es ans Nachtmahlvorbereiten und Kerzenanzünden gehen, und die Bescherung werde offenbaren, welche Dinge man nach den Feiertagen umzutauschen hätte.
Der Pfarrer spendete den Segen, Stille Nacht musste noch im Kreise der Gemeinschaft gesungen werden, wie dies gern gelebte Tradition war. Abermals mussten die Ministranten ausrücken, sie verteilten Teelichter an alle Anwesenden und zündeten sie sogleich mit dem Friedenslicht an. Auch das kleine Mädchen bekam ein Teelicht, und nun regte sich für eine Sekunde ein Hoffnungsschimmer in ihr. Waren denn die vorangegangenen Demütigungen so schlimm gewesen? Nur strahlen müsste der Docht noch, dann wäre es wohl ein Trost gewesen. Sie hielt dem zweiten Ministranten ihr Teelicht hin. Schon wollte er es pflichtbewusst entgegennehmen, da gab ihm die Mutter mit abwinkender Geste zu verstehen, dass es zu gefährlich wäre, und er ließ es bleiben.
Die Dämme brachen beim kleinen Mädchen, unter Heulen warf sie der Mutter Gemeinheit vor. "Warum darf meins nicht leuchten?", stieß es immer wieder hervor. "Wir haben doch schon eins, das leuchtet", erwiderte die Mutter gereizt. Die Kirche wurde langsam verdunkelt, man stimmte sich auf das letzte Lied an diesem Abend ein. Der Professor, der von der Oblate gedanklich zum morgigen Festessen bei seinem Sohn verleitet worden war, nutzte den stillen Moment, beugte sich zu dem Mädchen hinunter und flüsterte: "Weißt du, du bist die Klügste von allen. Jeder andere hat sein Teelicht verschwendet und wird es draußen wegwerfen, weil es nicht mehr schön ist. Aber du hebst dir deines auf und wartest, bis es
einen Augenblick gibt, der nur dir gehört, und dann nimmst du dir ein Streichholz und zündest es an. Dein Augenblick wird schöner sein als der der ganzen Leute hier, weil du allein ihn dir ausgesucht hast. Also brauchst du nicht zu weinen, so ein Geschenk bekommt man nicht oft im Leben - und, merkst du, keiner außer dir hat es bekommen!"
Von oben her ertönte die Orgel und dröhnte durch ein Meer flackernder Inseln. Noch vernahm man leises Schluchzen, doch stetig ebbte es ab, bis zum endgültigen Versiegen. Menschen erhoben sich, alles schlief, nur das traute Paar wachte einsam. Und kaum zu bemerken war, dass eine dünne Kinderstimme bei der zweiten Strophe mit einstimmte; denn in der Tat merkwürdig wäre es für jeden vernünftig Denkenden gewesen, wenn jemand, der sich rühmen durfte, klüger als alle Mütter, Pfarrer, Ministranten und Professoren zu sein, jetzt nicht gesungen hätte!


Aufgerufen am 25.11.2020 um 10:51 auf https://www.sn.at/kolumne/mein-weihnachten/der-professor-in-der-mette-62306536

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