Ein Stück Heimat

Kolumnenbild
Mein Weihnachten Ferdinand Morawec

Am Basar in Orenburg sprach mich eine Frau auf Russisch an, ob ich deutscher Kriegsgefangener sei. Ja, antwortete ich. Seit 1943. Die Frau sprach in Deutsch mit mir weiter, fragte nach meiner Familie und woher ich käme. Sobald ein Russe an uns vorbeiging, wechselte sie zu Russisch. Nach einer Weile lud sie mich ein, ihr zu folgen. Sie wohne hier gleich in der Nähe. In der Stube ihres Hauses war es dunkel. Nur eine Kerze brannte. Sie stand auf einem gedeckten Tisch. Um ihn herum saßen ein paar Männer und Frauen. Ich wurde zum Essen eingeladen. Es gab Borschtsch, die traditionelle russische Suppe. Es wurde wenig gesprochen. Ich hatte den Eindruck, nicht alle waren mit meiner Anwesenheit einverstanden. Manche hatten sicherlich Angst, als Wolgadeutsche denunziert zu werden. Ich aß fertig, stand auf und bedankte mich. Beim Verabschieden wünschte mir die Frau ein gutes Heimkommen und machte ein Kreuz auf meine Stirn. Es war der 24. Dezember. Ein Stück Heimat hat mich berührt.

Aufgerufen am 23.11.2020 um 06:03 auf https://www.sn.at/kolumne/mein-weihnachten/ein-stueck-heimat-62772631

Kommentare

Schlagzeilen