Heilige Nacht im Zug

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Mein Weihnachten Mag. Christina Steinmetzer

Es war Dezember 1960. Ich war 19 Jahre alt und nach der Matura in Salzburg und einem Jahr an der Sorbonne, hatte ich die Chance in der Lokalredaktion der Zeitung "Die Presse" bei Dr. Chorherr einen Platz als Redakteuraspirantin, sprich Lehrling zu bekommen. Überglücklich. Als die Weihnachtstermine besprochen wurden, war es keine Frage, dass "die Kleine aus der Provinz" unverheiratet und kinderlos, selbstverständlich zum Journaldienst am Heiligen Abend eingeteilt wurde. Die Distanz nach Salzburg wurde überhaupt nicht erwähnt. Gott sei Dank war der einsame Heilige Abend in der Redaktion ruhig, ohne Christbaumbrände oder sonstige Katastrophen, und ich konnte nach Mitternacht noch einen Zug nach Westen erreichen. Allein im Wagon kam in der Höhe St. Pöltens der Schaffner, der mir auf meine Frage, wie viele Menschen wohl im Zug wären, antwortete "nur ein Kollege und eine junge Kellnerin die morgen in Kitzbühel ihren Dienst antreten muss." Ich bat ihn, doch die beiden zu holen, damit wir nicht in der Heiligen Nacht so alleine wären. Er organisierte, und wir vier Fremden fanden in dieser Nacht zusammen. Die junge Kellnerin hatte die Kekse von daheim mit, ich hatte eine Thermoskanne Tee, und wir sangen alle Weihnachtslieder die uns einfielen und erzählten aus unserem Leben und Berufen. Da niemand weder in Amstetten, Linz, Wels oder Attnang Puchheim zustieg, (es war inzwischen drei Uhr früh), blieb die Vertrautheit dieser zusammengewürfelten kleinen Gruppe bis Salzburg bestehen. Als mich meine Mutter um vier Uhr am Bahnhof (damals dauerte die Fahrt Wien Salzburg viel länger als heute) in die Arme schlo?, war sie verwundert wie fröhlich ihr "armes Kind" doch war. Ich wünsche allen Reisenden, die in der Heiligen Nacht unterwegs sein müssen, so ein Erlebnis. Ob dies heute noch möglich ist?


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