Ich habe das Christkind gesehen

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Mein Weihnachten Monika Gründlinger

Anfang der 60er Jahre besuchte ich die erste Klasse Volksschule. Ich hatte das große Glück, die Beste aller Lehrerinnen zu haben. Sie war überaus liebevoll, warmherzig und vermittelte uns Kindern Freude am Lernen.
Am letzten Schultag vor den Weihnachtsferien war Feiern angesagt. Der Vorname unserer Lehrerin war Christeta, der Name allein war schon Verheißung für eine schöne Weihnachtsfeier. Zuerst wurden die Kerzen am Adventkranz entzündet. Danach beschenkte sie jedes Kind mit einer Orange und einem Farbstift. Die Orange war in Seidenpapier eingewickelt und roch herrlich. Welch unerwartete Freude! Im Klassenzimmer war es mollig warm und gemütlich. In einer Ecke stand ein Kanonenofen. Den der fleißige Schulwart bereits um 5 Uhr früh angeheizt hatte. Das Allerbeste aber war, das die Lehrerin mehrere Weihnachtsgeschichten vorlas. Unter anderem die Geschichte eines Kindes, das heimlich das Christkind beobachtete und deshalb keine Geschenke bekam.
Heilig Abend, die Dämmerung hatte bereits eingesetzt, war zu Hause das Wohnzimmer abgesperrt und verdächtige Geräusche daraus zu hören. Ein Gefühls- Tsunami, abwechselnd von Wogen der Neugierde und Angst vor Bestrafung überflutete mich. Die Neugierde siegte! Ich spähte durch das Schlüsselloch. Mir stockte der Atem. Da schwebte das Christkind, eingehüllt in einer bauschigen Wolke aus Gold und Silber um den Christbaum. Unfassbar! Voll Glückseligkeit und voll Vorfreude auf die abendliche Bescherung schlich ich mich leise hinweg.
Heute, über 50 Jahre danach, würde ich jeden Lügendetektor-Test bestehen. Voller Gewissheit und Überzeugung würde ich behaupten: Ich habe das Christkind gesehen.


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