Mama, das Christkind findet mich nicht

Kolumnenbild
Mein Weihnachten Margarete Teuber

Ich bin 1942 in Budweis geboren und war etwa zweieinhalb Jahre alt, die Deutschen hatten unser Land überfallen, jeden Abend kamen zwei deutsche Soldaten auf der Suche nach Partisanen durch unser Haus und ich hatte große Angst. Bei einem Bombenalarm wirft meine Mutter mich in den Kinderwagen und hält meine kleine Schwester wie eine Puppe an der Hand. Beim Luftschutzkeller angekommen, geht der Kinderwagen nicht durch die Tür. Menschen von innen zerren an dem Wagen, und ich höre die Räder an den Wänden kratzen. Meine Mama hatte einen kleinen Schemel dabei, den bot sie einer alten Frau zum Sitzen an, die sich sehr darüber gefreut hat. Zwischen drei und vier Jahren kam ich zuerst in den tschechischen Kindergarten, musste aber als "Deutsche" nach kurzer Zeit in einen deutschen Kindergarten wechseln, wo es mir überhaupt nicht gefiel. Deshalb bat und bettelte meine Mama die Erzieherin im tschechischen Kindergarten so lange, bis ich wieder dorthin wechseln durfte. Direkt nach Weihnachten wurden wir dann ausgetrieben und waren der erste Transport, mit dem wir immerzu in Viehwaggons ein halbes Jahr nach und in Bayern unterwegs waren. Zwischendurch waren wir in Lagern untergebracht, wo wir alle Läuse bekamen. Die Köpfe von mir und meiner Schwester waren total vereitert, nachdem man uns mit zu viel Entlausungsmittel eingeschmiert hatte. Als wir endlich aus den Waggons heraus konnten, wohnten wir mit den Großeltern zu sechst in einem kleinen Zimmer. Mein Papa schlief auf dem Boden, der Opa auf dem Tisch und Mama, Oma und wir zwei Schwestern zusammen im Doppelbett. Im Kindergarten musste ich nun wieder deutsch lernen. Zu Weihnachten bekamen alle Kinder von der Erzieherin einen selbstgemachten Papierstern geschenkt, den ich noch viele Jahre aufbewahrt hab, bis er von alleine zerfiel. Daheim sagte ich zu meiner Mama: "Wir müssen schnell nach Hause fahren, damit uns das Christkind findet", worauf meine Mama antwortete, dass uns das Christkind überall auf der Welt fände. Am heiligen Abend stand dann in unserem Zimmer ein winziger Christbaum mit 3 Kerzen, Geschenke gab es keine, aber ich war so glücklich, dass uns das Christkind gefunden hatte.


Aufgerufen am 23.11.2020 um 05:57 auf https://www.sn.at/kolumne/mein-weihnachten/mama-das-christkind-findet-mich-nicht-62513518

Schlagzeilen