Nein!

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Mein Weihnachten Birgit Fingerlos

18. Dezember 1976
Ich komme von der Schule nach Hause und merke gleich, dass irgendetwas nicht stimmt. Kurze Zeit später weiß ich Bescheid: Mein Opa ist heute früh im Badezimmer gestürzt. Jetzt liegt er im Krankenhaus auf der Intensivstation. Diagnose: Gehirnblutung. Die Ärzte sagen, dass es keine Chance für ihn gibt. Eine Operation ist unmöglich. Sein Zustand wird sich zusehends verschlechtern, weil immer mehr Blut austreten wird und der Reihe nach die lebenswichtigen Zentren im Gehirn lahm legen wird.
"Nein", schreit es in mir, "das kann, das darf einfach nicht wahr sein! Vielleicht passiert ein Wunder, - so etwas gibt es ja ab und zu. Warum nicht auch bei meinem Opa?!"
Am nächsten Tag zu Mittag kommt der Anruf aus dem Krankenhaus. Opa ist tot! Alles Hoffen und Beten waren also vergebens. Das ersehnte Wunder ist nicht passiert.
"Nein", hämmert es in meinem Kopf. Mein Opa, der so viel ausgehalten hat. Im Krieg hat er als junger Soldat einen Schulterschuss bekommen. Unwahrscheinliche Schmerzen, mehr schlecht als recht versorgt in einem Lazarett, schlussendlich hat er es nach Hause geschafft. Wie oft hat ihm die Schulter weh getan, aber er hat sich nie unterkriegen lassen. Und trotz allem hat er gerne gelebt und genossen, was es zu genießen gab: ein gutes Glas Rotwein, ein Teller Suppe. Manchmal sah man direkt, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Er hat auch Sport betrieben, und ich war sehr stolz auf ihn, wenn er schwamm oder mit den Skiern unterwegs war. Und jetzt hatte er den Kampf verloren.
Einige Tage später: 23. Dezember - der Begräbnistag. Alles ist dunkel und trostlos, irgendwer in unserer Familie hat ständig rot verweinte Augen. Meine Mama trauert, meine Oma kann das alles noch nicht fassen.
Mein Opa ist tot und wird begraben. Vor einer Woche hat er mir noch im Atlas gezeigt, wo er als Gebirgsjäger in Norwegen unterwegs war. Es hämmert geradezu in meinem Kopf: Mein Opa lebt nicht mehr, und ich hätte ihn noch so vieles fragen wollen, so viel mit ihm erleben wollen.
Für mich steht fest, dass Weihnachten heuer gestorben ist. Morgen ist Heiliger Abend. Für mich nicht, ich will keinen Christbaum. Mir ist nicht nach Feiern.
"Nein", sagt da mein Papa leise und doch sehr bestimmt. "Nein, Weihnachten lassen wir nicht ausfallen, gerade heuer ganz sicher nicht!"

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