Was man nach drei Wochen sagen kann

Antrittsinterviews sind eine Art Orakel: Aus ihnen lässt sich die weitere Karriere der neuen Minister erahnen.

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Die ersten Wochen einer neuen Regierung sind die Zeit der Antrittsinterviews. Die Bürger wollen die neuen Regierungsmitglieder kennenlernen, daher bemühen sich alle Medien um Interviews mit den neuen Ministern.
Meist sind diese Gespräche nicht sehr ergiebig, denn die soeben angelobten Minister müssen erst ihr Ressort kennenlernen und sich in die ihnen anvertraute Materie einarbeiten. In der Regel äußern sich Politiker daher in ihren ersten Interviews sehr zurückhaltend.
Doch jede Regel hat ihre Ausnahmen. In der Vergangenheit gab es immer wieder Minister, die geradezu jauchzende Antrittsinterviews gaben, sich zu allem und jedem äußerten und sichtlich glücklich waren, endlich um ihre Meinung gefragt zu werden.
Diese Selbstdarsteller stiegen blitzschnell zu Lieblingen der Medien auf, weil sie sich jederzeit interviewen ließen und gut zu verkaufende "Sager" lieferten. Ein langes politisches Leben war diesen politischen Plaudertaschen aber in der Regel nicht beschieden. Meist stolperten diese "Seitenblicke"-Minister bald über eine ihrer flotten Aussagen oder landeten hart in der Realität ihrer Ressortprobleme.
Bessere Zukunftschancen haben jene Minister, die mit Demut an ihr Amt herangehen. Wer in seinen ersten Interviews eher schweigsam ist, zeigt, dass er Respekt vor seiner neuen Aufgabe hat und ein ernsthafter Arbeiter ist. Zudem deutet er an, dass er nicht persönlich glänzen will, sondern bereit ist, sich ins Kollektiv der Regierung einzugliedern.
So gering der Neuigkeitswert von Antrittsinterviews zumeist ist, so interessant sind sie daher als eine Art Orakel: Sie lassen gewisse Rückschlüsse auf die Persönlichkeit der neuen Minister und auf ihren weiteren politischen Werdegang zu.
Bei der aktuellen Regierung fällt auf, dass sich alle Mitglieder zurückhaltend geben, selbst die bisher lautstarken Vertreter der FPÖ. Keiner hat bisher den Eindruck vermittelt, der Aufstieg in die Regierung bringe ihn zum "Überschnappen". Das gesamte Kabinett wirkt diszipliniert und auf einer Linie.
Manchen Kritikern geht das schon zu weit. Sie sprechen von einem beinahe sektenartigen Auftreten der Regierung. Alle würden die gleichen Äußerungen tätigen, die ihnen von oben - also von Kanzler und Vizekanzler - vorgegeben würden. Diese Kritik trifft im Detail nicht zu, denn in Sachen Notstandshilfe sind bereits erhebliche Auffassungsunterschiede zwischen Kanzler und Sozialministerin zutage getreten. Tendenziell ist der Befund aber richtig, dass hier (ganz im Unterschied zur vorherigen Regierung) 16 Politiker anzutreten scheinen, die ein Team bilden wollen.
Mehr kann man - abgesehen von den inhaltlichen Festlegungen - nach den ersten drei Wochen und den ersten Antrittsinterviews über die neue Regierung noch nicht sagen.

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